Die Digital-Angst geht um! Wie ein Schreckgespenst streift sie durch Unternehmensflure, Büros und Köpfe. Digitalisierung – das heißt Jobverlust, Veränderungen am Markt, problematische Umbrüche, gesellschaftlicher Wandel …
Liebe Digitalisierungs-Weltuntergangsbeschwörer: Davon habe ich die Nase voll.

Unvorstellbar!

Diese Digital-Angst ist für mich nichts Anderes als ein Stein. Ein Stein im Rucksack etlicher mitteleuropäischer Unternehmen. Mit diesem Rucksack auf dem Rücken versuchen sie, durch die Überhänge der Digitalisierung zu klettern und müssen feststellen: Angst ist schwer und bremst ganz schön aus. Sie verhindert, dass die betroffenen Unternehmen Potenziale und Chancen in der Digitalisierung erkennen. Dass sie mit einem Rucksack voller Angst langsam vorankommen und sich schwertun, bei Entwicklungen mitzuhalten.
Hinzu kommt die urdeutsche und österreichische Liebe zur Perfektion. Mit einem unfertigen Produkt, einem Prototypen an den Markt zu gehen und sich auszuprobieren – unvorstellbar! Ideen im Frühstadium zu testen, solange sie noch nicht perfekt sind, widerstrebt der deutschen Seele zutiefst.
Und schon ziehen experimentierfreudigere Länder wie China und die USA wieder an Mitteleuropa vorbei: Hallo, liebe Angst vor dem Fortschritt. Hallo, du Angst vor der digitalen Entwicklung.

Angst ist in

Da frage ich mich: Vielleicht sitzt das Problem ja viel tiefer. Wie kommt es, dass Digitalisierung & Co. in den hiesigen Breitengraden so angstbesetzt sind?
Ich habe eine Theorie: Angst ist in. EU-weite Analysen wissenschaftlicher Arbeiten zeigen, dass tausendfach mehr Studien zu Sorgen vorliegen als beispielsweise zum Thema Lebenszufriedenheit. Depressionen sind deutlich besser erforscht als die menschliche Freude. Ich erkenne darin eine gewisse Vorliebe für Horrorszenarien. Eine Tendenz, sich lieber den Worst Case in allen Farben auszumalen als mögliche positive Entwicklungen zu betrachten. Gleiches gilt dann selbstverständlich auch bei der Digitalisierung: Mögliche negative Auswirkungen dominieren das Denken. Im Vordergrund steht die Angst: Wir werden alle unseren Arbeitsplatz verlieren und von Robotern ersetzt werden! Schrecklich!
Also ich kann dazu nur sagen, mir haben in letzter Zeit exakt zwei Roboter die Arbeit geklaut: der Staubsaugroboter im Haus und der Mähroboter im Garten. Mit beiden kann ich sehr gut leben, denn ich gewinne durch sie Zeit für etwas, das ich viel besser kann: kreativ über Themen nachdenken.
Wie könnte ich also anders, als der Digitalisierung zu danken? Eine Dankbarkeit, die ich mir auch bei vielen Unternehmen wünsche.

Herren der Maschine

Die Digitalisierung bedeutet für mich nämlich eine unglaubliche Befreiung von Angst. Sie steht in meiner Welt für eine Effizienzsteigerung, für die Freisetzung kreativen Potenzials, für mehr sinnerfüllend verbrachte Zeit.
Solange Sie in den Horrorszenarien der Digitalisierung und der Angst vor eben diesen feststecken, verstellen Sie sich den offenen und kreativen Blick auf die digitale Entwicklung. Die gedankliche Auseinandersetzung mit jeder Neuerung wird zudem erschwert von Schuldgefühlen – Sie könnten schließlich ungewollt dafür sorgen, dass ein Großteil Ihrer jetzigen Belegschaft obsolet wird, wenn Sie mit der Entwicklung gehen. Das scheint kaum verantwortbar.
Sicherlich wird die Digitalisierung nicht ohne einen entsprechenden gesellschaftlichen Rahmenwandel einhergehen. Die Herren der Maschine sind jedoch immer noch die Menschen: also auch Sie und Ihre Führungskräfte und Mitarbeiter.

Mehr Zeit für kreative Arbeit

Ich fände die Vorstellung schön, möglichst viele der Arbeitenden wegzubringen von automatisierbaren, digitalisierbaren Aufgaben. So könnte die Technologie helfen, dass mehr Zeit für lohnende Tätigkeiten bleibt, für schöne und anregende Dinge. Wer weiß, vielleicht können wir alle eines Tages weniger Stunden auf unserem Arbeitskonto sammeln und dennoch ein Auskommen finden, weil die digitale Entwicklung uns ein entsprechendes Modell bietet?
Dazu ist ein Verständnis dafür nötig, was alles möglich ist, wenn die Menschen erst einmal ihre Angst vor dem digitalen Fortschritt ablegen. Ich genieße es beispielsweise sehr, dass ich heutzutage nicht mehr zwingend in einer Großstadt leben muss, um am Puls der Zeit zu sein. Viele Arbeiten kann ich erledigen, ohne in ein Flugzeug steigen zu müssen. Dank moderner Technologien tausche ich mich problemfrei mit Menschen und Teams auf der ganzen Welt aus; ich sende Dokumente in Sekundenschnelle von Deutschland auf die andere Seite des Globus und kann dank Videotechnologie meinen Partnern im Silicon Valley direkt in die Augen schauen, obwohl ich zu Hause am Schreibtisch sitze. Die positiven Seiten der Digitalisierung sind es, die Unternehmer und Arbeitnehmer meiner Meinung nach sehen und in den Fokus rücken müssen.

Ohne Angst am Abgrund

Natürlich ist es leichter, zu erforschen, was durch die Digitalisierung alles verschwinden wird und entsprechend eine tiefsitzende Angst nährt. Wenn Sie sich jedoch ernsthaft damit zu beschäftigen beginnen, wie viele neue Möglichkeiten durch den digitalen Fortschritt entstehen, wird die Angst Schritt für Schritt einem wachsenden Chancenbewusstsein weichen. Sie öffnen den Raum für ein kreatives Herangehen an die digitale Welt und können sich so die Aspekte herausgreifen, die Sie mit Ihrem europäischen Wertekanon in Einklang bringen können.
Das ist ein bisschen wie bei Bergsteigern, die ein steiles Eis- oder Schneefeld queren müssen. Auch dort spielt selbstverständlich immer Angst mit, die hemmt und zu einem natürlichen Schutzreflex führt: Ängstliche und unsichere Bergsteiger lehnen sich instinktiv schutzsuchend weiter zum Berg – mit dem Effekt, dass sie dann noch leichter abrutschen, wenn Sie das Eisfeld überqueren. Gerade wenn die Angst am größten ist, gilt also: Lehnen Sie sich noch ein bisschen weiter in Richtung des Abgrunds, auch wenn Sie wissen, dass er Gefahren birgt. Mit der richtigen Einstellung besiegen Sie so nicht nur die Angst, sondern den Abgrund gleich mit.

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