Da kommen Sie mit einer genialen Idee ins Unternehmen und präsentieren Ihren Geistesblitz stolz den Kollegen – und dann? Dann werden skeptisch alle möglichen Risiken analysiert – so lange, bis die einst so gute Idee niedergeschmettert ist.

Es ist der Umgang mit neuen Ideen, der mir Kopfzerbrechen bereitet. Viel zu oft erlebe ich, dass die Menschen sich lieber absichern und das bewahren, was sie schon kennen. Neuem stehen die meisten skeptisch gegenüber, denn Neues ist immer ungewiss, birgt Gefahren und vielleicht auch Nachteile. Eine neue Idee? Hm … erstmal schauen, was schiefgehen könnte! Ich glaube, mit diesem Ansatz schafft es die beste Idee der Welt nicht bis zur Umsetzung. Ist diese skeptische Grundhaltung denn eine Eigenschaft, die hauptsächlich auf die Deutschen und Österreicher zutrifft?

Tolle Idee! Das machen wir – nicht!

Vor einiger Zeit besuchte ich zwei Hamburger Manager, die ich im Frühjahr zufällig im Silicon Valley getroffen hatte. Total euphorisch und voller Ideen kamen beide damals in ihre Unternehmen zurück und starteten voller Elan die neuen Projekte, für die sie viel Zuspruch bekamen. Anfangs. Dann kamen die ersten skeptischen Zweifel. Weitere folgten. Der erste geäußerte Zweifel hatte zur Folge, dass plötzlich zehn weitere Türen aufgingen, aus denen zusätzliche Zweifler hervorkamen, was wieder noch mehr Zweifler mobilisierte. Das Resultat: Beide Manager waren total frustriert und verloren all ihre Energie, die Ideen aus dem Silicon Valley im eigenen Unternehmen umzusetzen. Einer hat mittlerweile sogar das Unternehmen verlassen.

Während in Amerika eine neue Idee mit Fragen wie „Kann ich dir einen Kontakt vermitteln?“ oder „Wie kann ich dich unterstützen?“ empfangen wird, donnert den neuen Ideen bei uns ein skeptisches „Wie soll das denn funktionieren?“ entgegen.

Erstmal skeptisch abwägen

Mit genau solch einer skeptischen Einstellung treten viele Unternehmer und auch Mitarbeiter der Digitalisierung entgegen. Denn die Menschen spüren: Die Digitalisierung bringt radikale Veränderungen mit sich. Und das ist irgendwie unbequem. Digitalisierung bedeutet für die meisten Menschen Ungewissheit, Gefahr und Nachteile – so die weitläufige Meinung. Deshalb wollen auch hier viele das sichere Terrain nicht verlassen.

Ich kann das sogar teilweise verstehen, denn es gibt einen richtig unbequemen Haken bei der Sache. Der Chief Digital Officer einer Bank sagte mal zu mir: „Disruption eines Geschäfts erfordert Disruption der eigenen Identität.“ Und er hat recht! Jeder einzelne muss sein eigenes Konzept radikal in Frage stellen, notfalls sogar auflösen. Dadurch kann natürlich das Selbstverständnis und das Machtgefüge der einflussreichsten Personen im Unternehmen ins Wanken geraten. Denn beginnen muss die Chefetage. Hier ist jetzt ausnahmsweise Skepsis mal erlaubt – aber nur gegenüber sich selbst. Dass das ungemütlich ist, streite ich gar nicht ab. Schließlich geht es dabei ran an sich selbst, ran an eventuell Jahrzehnte bestehende Unternehmenskulturen. Vielleicht hat sich an der einen oder anderen Schraube schon Rost gebildet. Bis sich da alle Rädchen wieder drehen … das ist mühsam! Sie können mir aber glauben: Die Schmerzen der Nichtänderung sind viel größer als die Schmerzen der Änderung.

Tiefschnee statt Piste

Besonders Manager, die eigentlich mutig voran ins Ungewisse schreiten sollten, sind skeptisch. Das bringt mich als ehemaligen Profi-Berg- und Schiführer zu einer Analogie: Manager sind meist typische Pistenfahrer. Auf der unternehmerischen Piste der Vergangenheit fühlen sie sich sicher, hier haben sie Routine in ihren Bewegungen, kennen den Grund auf dem sie fahren. Digitalisierung erfordert aber, die präparierten unternehmerischen Pisten zu verlassen und eigene Spuren im Tiefschnee zu ziehen. Dort helfen die altbewährten Techniken allerdings nicht mehr. Da gilt es, sich in das Ungewisse zu wagen und die skeptischen Überlegungen hintanzustellen. Denn um die nächste Kurve zu nehmen, brauchen sie im Tiefschnee auch noch ordentlich Speed, sonst bleiben sie stecken.

Genau so sollte es auch im Rahmen der Digitalisierung laufen! Sie sollten Geschwindigkeit aufnehmen, um am Zahn der Zeit zu bleiben. Ja, es stimmt: Die Auswirkungen und Fortschritte der Digitalisierung werden an vielen Stellen kurzfristig überschätzt. Ich befürchte allerdings, dass genau deswegen viele Unternehmen die Digitalisierung bzw. deren langfristige Auswirkungen unterschätzen. Es ist fatal, aufgrund von Skepsis, das Thema vor sich herzuschieben. Warum können Sie und Ihre Mitarbeiter nicht heute schon „üben“, was Sie morgen benötigen? Sie werden in Zukunft Qualitäten und Fähigkeiten brauchen, deren Erwerb Sie Zeit kostet. Also geht es darum, jetzt schon anzufangen. Wenn Sie Ihre Zeit lieber in skeptische Analysen stecken, statt konsequent daran zu arbeiten, werden Sie über kurz oder lang ins Stolpern geraten.

Step by step

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich möchte Ihnen keinesfalls Angst machen. Aber ich habe das Gefühl, dass die Digitalisierung kurzfristig überschätzt und langfristig unterschätzt wird. Sie sollen keinesfalls von heute auf morgen alles umkrempeln. Aber was Sie brauchen sind einerseits gezielte Investitionen in das individuelle und gemeinschaftliche Können ihrer Leute und andererseits Interventionen, bei denen Sie sich mit radikal Neuem auf geradezu erschütternde Art und Weise auseinandersetzen. Diese zwei Aspekte sind unabdingbar.

Vielleicht hilft Ihnen folgende Geschichte bei der Umsetzung. Wenn meine Tiefschnee-Schüler früher lernten im Tiefschnee zu fahren, gab es immer einen Dreiklang: Zuerst verstehen, wie sie die Skier im Tiefschnee am besten belasten und wie ein Schwung ausgelöst wird, wenn man keinen festen Untergrund hat, von welchem man sich abstoßen kann. Dann mussten sie es üben. Der dritte Punkt war das unterstützende Umfeld. Die Teilnehmer brauchten die anderen Teilnehmer und mich als Trainer für den Erfahrungsaustausch. Dafür filmte ich sie bei der Abfahrt. Mithilfe des Videos konnte ich ihnen ganz konkrete Tipps geben. Diesen Dreiklang wiederhole ich immer wieder: verstehen, ausprobieren, austauschen. So lernten meine Teilnehmer das Tiefschneefahren schneller, als sie selbst es geglaubt hatten.

Für den digitalen Wandel gilt dasselbe. Orientieren Sie sich an diesen drei Schritten, dann werden Sie und Ihre Mitarbeiter immer sicherer im Umgang mit der Unsicherheit.

Die jungen Hasen und die alten Füchse

Der Zug ist keinesfalls abgefahren, wenn Sie sich erst im nächsten Jahr mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen. Entscheidend ist, dass Sie damit anfangen. Schließlich wollen Sie und Ihr Unternehmen ja mittel- und langfristig eine Rolle spielen.

Sie dürfen auch weiterhin skeptisch sein. Und zwar, wenn es darum geht, mutige Personalentscheidungen zu treffen. Seien Sie skeptisch was die Besitzstände und Besitzstandswahrung angeht. Vielleicht holen Sie sich auch ein paar „junge Wilde“ in die Gremien, die einen Hauch der Silicon-Valley-Einstellung in Ihr Unternehmen bringen?!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich stimme zu.