Wie lange dauert es in Ihrem Unternehmen von der ersten Idee bis zur Umsetzung? Ich wette, Sie haben das Gefühl, es müsste irgendwie schneller gehen. Und ich wette, Sie können den Zeitraum dieses Prozesses gar nicht genau beziffern. Schließlich dauert es eine Weile, bis jedes mögliche Risiko durchkalkuliert wurde. Die gute Nachricht: Sie gehören damit zur Mehrheit. Die schlechte Nachricht: Sie sollten, meiner Meinung nach, lieber zur Minderheit gehören.

Trotz der schnelllebigen Zeit gibt es in Unternehmen eine weit verbreitete Grundüberzeugung: Wenn wir nicht wissen, was auf uns zukommt, müssen wir umso mehr Zeit vor der eigentlichen Prozessumsetzung einplanen. Ganz schön kontrovers …

Packen Sie Ihre sieben Sachen und gehen Sie!

Vor allem im Management hat sich diese Mentalität durchgesetzt. Dort werden nämlich zunächst einmal Strategien und Ziele fixiert. Im nächsten Schritt folgt ein Soll-/Ist-Vergleich. Welche Ressourcen sind vorhanden und welche fehlen?

Das wäre noch nicht mal so schlimm, doch dann kommt der große Fehler: Statt mit den vorhandenen Ressourcen loszulegen, werden erst die fehlenden Ressourcen aufgebaut. Heißt, es wird investiert, Mitarbeiter werden weitergebildet oder auch neu eingestellt. Sie bleiben also erstmal stehen. Hätten Unternehmen dagegen sehr stabile Rahmenbedingungen, wäre gegen dieses Vorgehen nichts einzuwenden. Die haben Sie aber bei all den Turbulenzen am Markt nicht mehr und deshalb können Sie Ihr Ziel gar nicht zu einhundert Prozent festlegen. Ihr Ziel ist dann ebenso dynamisch wie Ihre Rahmenbedingungen. Und deshalb bringt es nichts, stehen zu bleiben, alle Risiken abzuwägen und Ressourcen aufzubauen. Bis Sie damit fertig sind, haben sich die Rahmenbedingungen schon wieder verändert. Was Sie brauchen, ist ein agiles Planungsmuster.

Verkannter Reichtum

Gehen Sie die Situation doch lieber mal ganz anders an: Schauen Sie auf alles, was Sie schon haben. Schauen Sie auf Ihre Leidenschaft. Wofür brennen Sie, wofür brennen Ihre Leute? Denn die wichtigsten Voraussetzungen haben Sie schon: Ihre Erfahrungen, Ihr Wissen, Ihr Können, Ihr Netzwerk. All diese Ressourcen sind schon vorhanden. Machen Sie eine Bestandsaufnahme davon, statt zu grübeln, was Ihnen noch fehlt.

Nutzen Sie außerdem Ihr Netzwerk, denn Ihre Beziehungen ermöglichen Ihnen noch viel mehr Zugänge, neues Wissen, neue Kontakte. Mit all diesen Ressourcen können Sie einen Richtungskorridor möglicher Ziele aufbauen, der eben nicht nur eine einzige Möglichkeit bietet, sondern viele verschiedene. Packen Sie genau diese vorhandenen Ressourcen und laufen Sie los! Das verstehe ich unter intelligentem Handeln, nicht alle Eventualitäten outsourcen zu wollen.

Schauen Sie sich doch zum Beispiel einmal den Effectuation-Ansatz von Saras D. Sarasvathy an. Die amerikanische Universitätsprofessorin hat die Denk- und Handlungsmuster von erfolgreichen Unternehmern untersucht und für mich waren die Parallelen zum Klettern nicht wirklich überraschend.

Riskieren Sie, was Sie zu verlieren bereit sind

Wenn Sie zu den Menschen gehören, die bisher lieber jedes mögliche Risiko abgewägt haben, bevor Sie agieren, dann werden Sie jetzt womöglich einen Einwand haben. Denn sich ins Ungewisse zu begeben, nur mit den vorhandenen Ressourcen, das widerstrebt Ihnen wahrscheinlich. Lassen Sie mich Ihnen an einem Beispiel aus der Bergwelt zeigen, wie Sie mit Risiken umgehen können.

Wenn ich beim Klettern hundert Meter über dem sicheren Boden in einer Steilwand stehe und sich vor mir ein schwerer, 30 Meter hoher Abschnitt auftut, ist das der Inbegriff von Ungewissheit. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten, wie ich die Situation angehen kann. Erstens: Ich setze alles auf eine Karte und klettere einfach in die nächste Steilwand rein. Das wäre eine verdammt schlechte Lösung, denn ich kenne die Risiken nicht. Was von unten noch irgendwie machbar aussah, erweist sich in der Wand vielleicht nach zehn Metern als unüberwindbares Hindernis. Dann bleibt nur der Fall – und der wird doppelt so tief. Aus 20 Metern in die Tiefe stürzen ergibt 40 Meter freier Fall plus ein paar Meter für die Seildehnung. Am Berg ein lebensgefährliches Risiko!

Deshalb ist für mich die zweite Variante die einzig wahre: Ich klettere los und setze alle paar Meter eine Zwischensicherung. Ich teile das Risiko in Portionen auf, die ich wegstecken kann. Setze ich alle drei Meter eine Sicherung, so falle ich im schlimmsten Fall sechs Meter tief. Das kann ich verkraften. Mit diesem optimierten Risiko kann ich einen Weg wagen, dessen Ausgang ich nicht kenne. Habe ich die ersten zwanzig Meter geschafft, eröffnen sich mir vielleicht auch ganz neue Möglichkeiten, die ich von unten gar nicht sehen konnte.

Nutzen Sie Rückschläge

In Ihrem Unternehmen können Sie ebenfalls nach dieser Taktik vorgehen. Starten Sie mit der Umsetzung einer Idee, von der Sie glauben, dass sie funktionieren kann und legen Sie mit dem los, was sie zur Verfügung haben. Handeln Sie, begeben Sie sich in einen Richtungskorridor, aber nehmen Sie nur soviel Risiko in Kauf, wie Sie sich leisten können. Agieren Sie nach dem Prinzip des leistbaren Verlusts.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dieser Verlust kommen wird, doch er wird Sie stärker und klüger machen. Durch Rückschläge schärfen und konkretisieren Sie Ihren Korridor. Sie wissen was funktioniert und erweitern Ihr Netzwerk. Mit diesem Wissen können Sie den nächsten Schritt machen. So bewegen Sie sich Stück für Stück nach oben auf den Gipfel – immer mit Ihrem vertretbaren Risiko. Wie risikobereit sind Sie?

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