Wir müssen digital werden! Wir müssen die Mitarbeiter überzeugen und mitziehen! Wir müssen ihnen klarmachen, dass die Digitalisierung keine Bedrohung ist!

So schallt es aktuell durch zahlreiche Unternehmensflure, Vorstandsmeetings und Führungskräfteseminare. Die Mitarbeiter, heißt es dann, müssen dringend dazu gebracht werden, dass sie auf den digitalen Zug aufspringen.

Was Führungskräfte und Unternehmer dabei jedoch häufig übersehen: Ihre Mitarbeiter sind zu großen Teilen längst digital. Es ist das Unternehmen, das hinterherhinkt.

Der Steinzeit-Stempel

Dazu fällt mir eine Begebenheit aus einem Beratungsprojekt ein. Ich sprach mit dem Geschäftsführer eines internationalen und namhaften Baukonzerns. Er kümmert sich seit vielen Jahren mit großer Hingabe um ein Geschäftsfeld, das erst in letzter Zeit verstärkt ins Bewusstsein der Allgemeinheit rückte: Virtual Construction oder BIM, was so viel bedeutet wie Building Information Modeling. Sein Denken, seine Ansätze und sein Mindset passten auch immer hervorragend zu diesem Bereich, er war und ist ein frischer Kopf. Allerdings stammte die Ausrüstung, die sein Betrieb ihm zur Verfügung stellt, gefühlt aus der Steinzeit. Er stand vor mir mit einem Laptop, der dreimal so viel wog wie meiner, und einem dazu passenden Ladegerät, das man als Freihantel verwenden könnte. Damit ist er zwar online, das stimmt, aber den Stempel „digital“ möchte ich diesem Equipment nicht verpassen. (By the way: Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Blogs hat er seinem Unternehmen gerade den Rücken gekehrt.)

Genau wie in diesem Beispiel schreiben sich zahlreiche Unternehmen den digitalen Wandel auf die Fahnen. Ihre Mitarbeiter dürfen sich dann jedoch beispielsweise mit völlig veraltetem Equipment begnügen, sich mit überholten IT-Systemen herumschlagen und für sich selbst herausfinden, wie sie damit digital agieren sollen. Erwartungen und Realität klaffen dabei abgrundtief auseinander. Denn die Unternehmen vergessen einen wichtigen Punkt.

Das funktioniert nicht

Wie jede andere Neuerung im Unternehmen beginnt auch die Digitalisierung mit den Basics.

Ich habe den Eindruck, das vergisst so mancher Vorstand, wenn er kurzfristig veranlasst, dass alle Mitarbeiter ein iPad bekommen sollen – man ist schließlich digital, da braucht man so was. Dabei steht im Betrieb gar nicht überall WLAN zur Verfügung, Zugriffsrechte auf Online-Arbeitstools fehlen, die Bandbreite genügt nicht für das anfallende Datenvolumen und so weiter.

Die Unternehmen überspringen also quasi einen Schritt und sehen im Ergebnis: Mensch, das funktioniert ja gar nicht. Die Mitarbeiter nutzen die neue Plattform für Teamprojekte gar nicht. Nicht alle pflegen ihre To-dos digital in das Abteilungs-Tool ein. Und in der Onlinegruppe für den Austausch unter Bereichsleitern herrscht eisernes Schweigen.

Die Standardlösung ist schnell gefunden: Hier scheint doch ganz offensichtlich die Zusammenarbeit nicht zu funktionieren! Vielleicht sollten Sie einen Coach dafür einberufen – oder eventuell ein schönes Teamevent veranstalten?

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So drücken sich die Führungsetagen vor dem eigentlichen Problem: Digital wird kein Betrieb, nur weil er ein paar iPads anschafft oder teure Online-Tools kauft und verpflichtend einführt. Damit die Digitalisierung in Ihrem Betrieb Hand und Fuß hat, müssen vor allem auch die Rahmenbedingungen digital werden.

Denn Sie arbeiten noch lange nicht digital, nur weil Sie neues Equipment anschaffen. Erst kürzlich sah ich ein Foto eines internen Briefkastens. Über dem Schlitz stand in Versalien: „Hier Onlinefragebögen einwerfen“. Da musste ich lachen – und dann seufzen.

Dass digital sein bei solch simplen Basics beginnt, wie kein Papier zu nutzen, muss in vielen Organisationen und ihren Prozessen erst ankommen.

Ein ähnliches Unding ist es für mich, wenn ich in Unternehmen komme, in denen ich keinen Handyempfang habe. Das Smartphone ist das Arbeitsgerät und die Kommunikationsgrundlage schlechthin des heutigen Zeitalters. Wie sollen Ihre Mitarbeiter digital denken und arbeiten, wenn schon derartige Basics nicht gegeben sind?

Für fitte Organisationen

Digital arbeiten heißt für mich deshalb in erster Linie, dass Unternehmen und überhaupt Organisationen umdenken müssen. Es geht gar nicht so sehr darum, dass Sie Ihre Mitarbeiter fit machen müssten fürs digitale Zeitalter. Vielmehr lautet die Frage: Wie schaffen Sie den Rahmen dafür in Ihrem Betrieb? Begonnen bei den Basics.

Denn in ihrer Freizeit handeln viele Menschen bereits digital – häufig deutlich digitaler als im Job. Da wird der Einkauf über Amazon erledigt, Siri plant einen Termin im Kalender und die Wetteraussichten kommen übers Smartphone ins Haus, das dank Smart Home kuschelig warm geheizt ist, bevor die Bewohner von der Arbeit zurückkehren.

Sie sehen: Ihre Mitarbeiter sind sich der Vorteile der Digitalisierung mit Sicherheit bereits bewusst. Die Frage für Sie als Unternehmer lautet: Welche digitalen Basics können Sie Ihren Leuten schon jetzt im Unternehmen anbieten? Welche benötigen Sie? Und welche Rahmenbedingungen müssen Sie noch schaffen, um ernsthaft digital zu werden?

Denn Ihre Mitarbeiter – die sind ohnehin längst an Bord.

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