„Wenn ihr in die Gletscherspalte fahrt, seid ihr tot. Wenn ihr aber meiner Spur folgt und so fahrt, wie Ihr es bei den letzten Hängen gezeigt habt, dann schafft ihr das ohne Probleme.“

Was glauben Sie, wie meine Skitourenteilnehmer reagiert haben, wenn ich mit ihnen, in meiner Zeit als Profi-Bergführer, vor einem Abschnitt mit gefährlichen Gletscherspalten stand und ihnen das sagte? Glauben Sie mir, durch die schonungslose Benennung der Herausforderung hatten alle ein ganz anderes Level an Aufmerksamkeit und Energie! Und durch die gleichzeitige Ermutigung und Erinnerung an das, was sie können, entwickelten sie die zweite Komponente, die für die Meisterung von Herausforderungen unabdingbar ist: einen starken Bewältigungsglauben. Das ist der Glaube an uns selbst, der Glaube, dass wir den Anforderungen der auf uns zukommenden Aufgabe gewachsen sind.

Der Bewältigungsglaube ist ein Glaube, der in unserer Gesellschaft oftmals fehlt und den sie, vor allem in Bezug auf neue Entwicklungen wie die Digitalisierung, dringend braucht.

Kritisches Abwägen erwünscht

Denn europäische Organisationen erliegen häufig der Gewohnheit, wenig an sich zu glauben und vielmehr Schwarzmalerei zu betreiben. Im Vergleich zu den optimistisch denkenden Amerikanern neigen wir dazu, eher ein Katastrophenszenario à la „Die Roboter klauen unsere Jobs“ und „Wir werden alle überflüssig“ aufzumachen, anstatt die Dinge zuversichtlich und selbstbewusst anzugehen.

Ich erinnere mich in diesem Kontext an ein Gespräch mit einem Produktmanager im Silicon Valley. Ich fragte ihn, was Menschen seiner Meinung nach bräuchten, um in seinem Unternehmen erfolgreich an der Spitze der Digitalisierung mitarbeiten zu können. Er nannte mir drei Punkte, die mich zugegeben doch etwas überraschten:

  • Neugier
  • Unerfahrenheit, um unvoreingenommen zu sein und einen unbelasteten Blick auf die Zukunft zu haben
  • Zuversicht, dass man selbst eine bedeutende Rolle bei den künftigen Entwicklungen spielen kann.

Das ist ein ganz anderer Ansatz als die angstschürende Katastrophendenke, die bei uns vorherrscht.

Die Alternative ist für mich deswegen noch lange kein naiver Fortschrittsglaube. Denn der blendet jegliche Risiken und mögliche Schwierigkeiten aus. Wer naiv an Fortschritt glaubt, denkt, dass alles, was auf uns zukommt, großartig sei und schon klappen wird. Diese Denkweise halte ich persönlich für gefährlich.

Am Glauben wachsen

Mit einem gesunden Bewältigungsglauben hingegen haben Sie die Chance, die Risiken und Gefahren eines Vorhabens sehr bewusst vor Augen zu haben – und lassen dann Ihren Glauben darüber hinauswachsen. Herausforderungen werden auf diese Weise nicht verharmlost. Sie kreieren stattdessen ein inneres Momentum der Bewältigungsenergie, indem Sie sich und Ihren Leuten unverblümt sagen: „Ja, das wird schwierig, aber wir verfügen über die nötigen Erfahrungen und Ressourcen, aus denen wir schöpfen können.“

Mit diesem Glauben entsteht die gleiche starke Energie, die auch unter meinen Skitourenteilnehmern beim Anblick der Gletscherspalte entstand. Und wie auf dem Berg können Sie diese Energie auch für die Bewältigung abstrakterer Fragestellungen wie die Digitalisierung nutzen.

Energie in drei Schritten

Aber wie bekommen Sie nun konkret diese Energie? Wie etablieren Sie Ihren Bewältigungsglauben? Ich kann schon verstehen, dass es Ihnen schwerfällt, Energie für noch schwammige Zukunftsthemen oder abstrakte Vorhaben zu mobilisieren, aber wenn Sie das ganz bewusst tun, kann es funktionieren. Mit ein paar Tipps möchte ich Ihnen dabei helfen.

  1. Machen Sie sich bewusst, welche Herausforderungen Sie in der Vergangenheit schon gemeistert haben. Da waren sicherlich einige dabei, die eine große Veränderung für Sie bedeuteten und die Sie trotzdem geschafft haben. Dazu möchte ich Ihnen ein Beispiel aus Colorado erzählen. Der Bundesstaat entwickelt sich gerade zu dem neuen, aufstrebenden Hotspot der Digitalisierung. Viele Unternehmen, die bei der Digitalisierung ganz vorne dabei sein möchten, lassen sich aktuell dort nieder. Und dort gibt es auch ein Unternehmen, das zum dritten Mal in Folge den „Great Place to Work Award“ gewonnen hat. Das ist aber kein hippes Start-up mit einem innovativen Geschäftsfeld. Nein, es handelt sich um ein Buchhaltungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen, also eine sehr traditionelle Branche. Eigentlich müsste dieses Unternehmen um seine Zukunft fürchten, wenn erstmal die Künstliche Intelligenz die Buchhaltung übernimmt. Der CEO meinte dazu allerdings: In den letzten 20 Jahren seien so viele Veränderungen vorausgesagt und als Bedrohung eingestuft worden – trotzdem sei das Unternehmen stetig gewachsen. Daraus leitet er einen zutiefst beeindruckenden Bewältigungsglauben ab: Die Arbeit seines Unternehmens werde sich auch in Zukunft weiter wandeln, verändern und automatisiert werden, aber das sei gut, denn dann würden mehr Kräfte für kreative Prozesse frei.
    Lassen Sie sich also nicht von Neuem überrollen, sondern schauen Sie auf Ihre bisherigen Erfolge zurück, um Ihre Bewältigungsenergie zu stärken.
  2. Führen Sie sich Erfolgsbeispiele anderer vor Augen. Welche Personen, welche Firmen haben bereits geschafft, was Sie sich vorgenommen haben? Schielen Sie dabei bitte nicht auf große Ausnahme-Konzerne wie Google & Co. als Vorbild. Suchen Sie sich vergleichbare Erfolgsbeispiele aus Ihrer oder der nächsthöheren Liga und gehen Sie auf Spurensuche: Unter welchen Voraussetzungen oder Umständen arbeitete Ihr Erfolgsbeispiel? Was machte es so erfolgreich? Und was brauchen Sie oder Ihr Unternehmen folglich, um es auch zu schaffen?
  3. Zu guter Letzt möchte ich Ihnen noch einen Rat geben, den Sie bitte in allen Lebenslagen und -situationen umsetzen: Machen Sie sich Ihre eigenen Stärken bewusst! Mit diesem Bewusstsein und dieser Klarheit erzeugen Sie Energie und stärken Ihren Bewältigungsglauben.

Und wenn Sie selbst durch diese drei Schritte gegangen sind, sich innerlich gestärkt und aufgerichtet haben – dann wiederholen Sie diese Übung gemeinsam mit Ihrem Team.

Es ist genau richtig, sich nicht jubelnd auf alles Neue zu stürzen, aber trauen Sie sich zu, den Anforderungen gewachsen zu sein. Schließlich haben Sie ja – dank Ihres Bewältigungsglaubens – alle Risiken schon abgewogen. Sie können also nur positiv überrascht werden.

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