„Wir sind doch Profis! Wir experimentieren nicht!“

Diese Aussage schlägt mir nicht nur in meiner Beratungsarbeit, sondern auch unter Kollegen meiner Zunft immer wieder entgegen. Ich treffe häufig auf Menschen, die glauben, dass minutiöses Planen und perfekt durchdachtes Intervenieren ausreicht, um alle möglichen Fehler auszuschließen und vorherbestimmbare Ergebnisse zu produzieren.

Das Argument: Experimentieren ist unprofessionell und verantwortungslos.

Dabei vergessen viele, dass ohne Trial and Error die erfolgreichsten Produkte niemals auf den Markt gekommen wären. Den revolutionären Klettverschluss verdanken wir beispielsweise dem experimentierfreudigen Erfinder Georges de Mestral. Er fand im Fell seiner Hunde immer wieder Kletten und entwickelte daraus mit viel Forschen und Testen schließlich den klebenden Alltagshelfer.

Wenn Sie es richtig angreifen, ist Experimentieren also kein Hexenwerk und das gilt für die Entwicklung von Produkten und Leistungsangeboten für den Markt gleichermaßen, wie für die Entwicklung und Veränderung unternehmensinterner Strukturen, Abläufe und Arbeitsweisen.

Magische Experimente?

Aber warum fürchten sich Menschen überhaupt vor Experimenten? Aus meiner Erfahrung heraus nehmen sie schon alleine den Begriff „Experiment“ skeptisch auf. Sie hören das Wort und stellen sich direkt Goethes Zauberlehrling vor.

Dieser hat keine Lust, immer das Wasser zu schleppen. Also denkt er sich, es muss ja noch eine andere Lösung geben. Er nimmt sich einen Zauberspruch seines Meisters, während dieser außer Haus ist und legt los. Ohne sich über die möglichen Konsequenzen Gedanken zu machen. Und schon geht alles buchstäblich den Bach hinunter und sein Lehrer kann die Situation gerade noch retten.

Aufs Unternehmen übersetzt, kann dieses Szenario bedeuten: Ein Experiment geht schief und das Unternehmen macht Verluste. Sie verlieren möglicherweise schon in der Entwicklungsphase weitaus mehr Geld, als Sie rechtfertigen können. Wenn dann noch die Öffentlichkeit von diesem Scheitern mitbekommt, schadet das Ganze zusätzlich dem Ruf Ihrer Firma. Was für ein Schlamassel.

Und zu allem Überfluss geht es in Veränderungsprozessen innerhalb der Firma um Menschen. Sie sind betroffen, wenn die Unternehmensführung etwas Unausgegorenes ausprobiert. Die Angst vor dem Unkalkulierbaren finde ich deshalb absolut verständlich. Ich würde auch niemals blind etwas versuchen.

Aber stellen Sie sich nun einmal vor, Sie versuchen alle möglichen Variablen in Betracht zu ziehen und ohne Experimente auszukommen. Sie haben alles durchdacht und sind sich sicher, ein gutes Produkt oder eine tolle Dienstleistung entwickelt zu haben. Und dann bringt der Mitbewerber etwas auf den Markt, das die Kinderkrankheiten schon lange los ist, mit denen Sie noch zu kämpfen haben. Spätestens dann wird deutlich, dass sie in Zeiten der Digitalisierung, wegen der sich alles so rasend schnell entwickelt, gar nicht alle Szenarien vorplanen können.

Das Resultat daraus? Die Konkurrenz läuft Ihnen den Rang ab und am Ende haben Sie einen weitaus größeren Verlust gemacht, als wenn Sie zu einem früheren Zeitpunkt in ein Experiment investiert hätten.

Die Zauberlehrlinge unter Ihren Mitarbeitern

Diese Angst vor Verlusten können Sie leicht minimieren, wenn Sie sich ein paar Sicherheiten schaffen. Wenn der Meister des Zauberlehrlings ihm zum Beispiel Grenzen aufgezeigt hätte, innerhalb derer er seine Sprüche hätte testen können, was wäre dann wohl passiert? Die Lehren aus dem Resultat wären dieselben gewesen, ohne dass er das ganze Haus des Meisters fast zerstört hätte.

Lassen Sie mich dies mit einem Beispiel aus der Felswand noch etwas konkretisieren: Ich bin am Steilfels und bin vor einer neuen Kletterstelle. Meinen letzten Haken habe ich vor ungefähr 15 Metern gesetzt. Jetzt könnte ich ein Bewegungsexperiment machen, das eventuell funktioniert, oder eben auch nicht. Was tun? Natürlich sehe ich in diesem Moment davon ab. Denn aus einem Sturz aus 15 Metern über dem letzten Haken werden logischerweise 30 Meter Fallhöhe plus Seildehnung und dabei kann ich mein Leben verlieren. Wenn ich allerdings im Klettergarten bin, maximal 2 Meter über einem bombensicheren Bohrhaken in sturzfreundlichem Gelände, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Auch hier kann ich natürlich fallen, aber was passiert mir im schlimmsten Fall? Ein paar blaue Flecken vielleicht. Ich wäge also ab, in welcher Situation ich wie risikofreudig sein kann. Ich schaffe mir dadurch selbst die Sicherheit, dass in diesem Fall auch das Worst-Case-Szenario doch gar nicht so schlimm ist.

Für die Bereitschaft zur Veränderung

Dieses Beispiel können Sie spielend ins Unternehmen übertragen. Spielend deshalb, weil ein freies sich Ausprobieren immer auch etwas mit Spielen zu tun hat. Am Ende liegt es bei Ihnen zu entscheiden, an welcher Stelle es gut und wichtig ist, ein Sicherheitsnetz zu installieren. Aber Vorsicht! Probieren Sie niemals etwas über die Köpfe der Mitarbeiter hinweg!

Ich sehe in Experimenten eher die Chance, in einem Team die Bereitschaft zu erzeugen, eine Veränderung zu versuchen. Und das bedeutet nicht, dass die Mitarbeiter „einfach mal machen“. Sondern Sie sollten sich fragen, ob es zum Beispiel etwas bringt, die neue Maschine oder das innovative neue Programm unternehmensweit einzuführen und direkt alle Mitarbeiter zur Schulung zu schicken – nur um dann festzustellen, dass es für ihre Firma gar nicht rentabel ist. Bevor Sie also eine Neuerung unternehmensweit einführen, warum denn nicht zunächst in dem Team experimentieren, das etwas verändern will, und so neue Erkenntnisse und Erfahrungen gewinnen?

Bitte flexibel bleiben

Unternehmen, unabhängig von ihrer Größe, brauchen die Bereitschaft, aus einem kostengünstigen Ausprobieren Erkenntnisse zu gewinnen, auf die sie durch Reden und Nachdenken gar nicht kommen können. Letztlich steht auch hinter jedem erfolgreichen Start-up nichts anderes als Experimente.

Im besten Fall erhalten Sie mit Ihrem Experiment ein neues Tool, das Zeit und Geld einspart, im schlimmsten Fall haben Sie die Arbeitszeit von ein paar Mitarbeitern geopfert. Wobei ich es nicht einmal als Opfern bezeichnen würde, denn natürlich ziehen Sie auch aus einem missglückten Experiment wichtige Lehren.

Die Erfahrungen, die Sie durch das Experimentieren erlangen, sind gerade heute sehr wichtig. Die Digitalisierung hat das Tempo, mit dem sich Gegebenheiten verändern, rasant nach oben geschraubt. Es hilft aber nichts zu sagen: „Hey das ist bei uns neu, wir wissen aber, dass es bei der Konkurrenz funktioniert. Also machen wir es einfach genauso wie die.“ Was bei den einen funktioniert, endet bei anderen im Desaster. Daher braucht es Experimente. Kein noch so schlauer Mitarbeiter, mit noch so hervorragender Hard- und Software kann alle möglichen Variablen mit einberechnen. Sie können erst sehen, was wirklich passiert, wenn sie es ausprobieren; aber dann können Sie nachsteuern und umbauen.

Mit einem doppelten Boden arbeitet es sich gleich viel kreativer, die spielerische Komponente hilft, die Verunsicherung abzubauen. Vergessen Sie dabei nicht, dass die Rahmenbedingungen für Experimente dynamisch bleiben müssen. Wenn Ihr Unternehmen gut dasteht, können Sie gerne auch einmal mehr in die Experimente investieren, der Payoff kann dementsprechend auch größer sein.

An all die Bedenkenträger und Lamentierer noch einmal die unmissverständliche Botschaft: Intelligente Experimente sind ein Weg der Entwicklung und erzeugen keine Betroffenen, sondern Lernende. Und der Schaden, der durch intelligentes Ausprobieren von Neuem entstehen kann, ist bedeutungslos gering im Vergleich zu dem Schaden, der dadurch entsteht, dass Menschen, Teams und ganze Unternehmen wegen eines lähmenden Perfektionsanspruches niemals ins Handeln kommen.

Ich wünsche Ihnen in jedem Fall viel Freude beim Experimentieren innerhalb eines sinnvollen Rahmens. Sie werden sehen, dass der Nutzen der Experimente die Kosten übersteigt.

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