ZUKUNFT ZUM ANFASSEN

Brücke in die Zukunft
Rainer Petek Allgemein, Unternehmen, Zukunft 7. April 2016 Leave a reply

„Wer braucht denn noch einen Prüfingenieur, wenn die Maschine und die Software sich selbst prüfen?“

Eine verständliche Sorge, die der Geschäftsführer eines klassischen Prüfunternehmens mir gegenüber bei der Vorbereitung der Strategie-Klausur äußerte. Das Management hatte angesichts der fortschreitenden Digitalisierung die Sorge, dass dem Unternehmen in wenigen Jahren die Geschäftsgrundlage komplett wegbrechen könnte. Andererseits hatte die Geschäftsführung bereits klar erkannt: Die Digitalisierung ist die Zukunft. Wenn sie das Unternehmen und die Arbeitsplätze nicht gefährden wollen, mussten sie jetzt handeln.

Mit Weißwurst in die Zukunft

Doch sie waren unsicher, was das bedeutete und was sie konkret tun konnten? Wie bricht ein Unternehmen am besten in absolutes Neuland auf? Wie wird der künftige Weg für alle greifbar und erzeugt einen „sense of urgency“ – ohne damit gleichzeitig Ängste zu schüren?

Die Strategie-Klausur begann ich daher unüblich: Ich bat im Vorfeld jeden einzelnen Teilnehmer, ein Symbol mitzubringen, das für eine relevante Umfeldentwicklung stand – eine Entwicklung, die das Potenzial hat, die heute gültigen Spielregeln des Geschäfts völlig auf den Kopf zu stellen.

Das Ergebnis war so interessant wie abwechslungsreich. Unter den Symbolen lagen typische und zu erwartende Dinge, wie Netze und Miniroboter, aber auch ein Hammer – als Beispiel dafür, dass nach Meinung des Teilnehmers die zukünftigen Revolutionen von intelligent einfachen und minimalistischen Dingen ausgelöst werden, wie zum Beispiel schon durch das iPhone. Und dazu gesellten sich Weißwurst, Brezel und süßer Senf: Die Führungskraft wollte zeigen, dass sie alleine nicht sonderlich appetitlich sind, aber zusammen ein tolles Geschmackserlebnis bieten – ganz wie im Unternehmen, wo bereits Vorhandenes intelligent zusammengeführt eine schmackhafte und zukunftsfähige Kombination sein kann.

Aufbruch ins Neuland

Mit den Symbolen erreichte ich, was ich mir gewünscht hatte. Die Führungskräfte sprachen schließlich nicht abstrakt über Ihre Zukunft, sondern brachten mit ihrem Symbol jeweils ihren persönlichen Bezug in die Runde ein. Die Zukunft wurde so greifbar.

Diese Vorgehensweise war für alle Teilnehmer aufrüttelnd, denn es wurde klar, dass Sie den Einzug in die digitale Welt schaffen können, wenn sie die Herausforderung annehmen. Es würde in Zukunft nicht mehr darum gehen, vor Ort Maschinen zu prüfen, sondern vielmehr um das digitale Auslesen und Interpretieren der Daten und darum, ein Geschäftsmodell dafür zu entwickeln.

Das Erkennen des Problems stellt Unternehmen jedoch meist vor die zweite Hürde: Sie betrachten das Thema aus einer Kluft heraus. „Diese ganze neue Datenwelt ist so weit weg, damit kennen wir uns doch gar nicht aus“, platzte es aus einem der Kollegen heraus. Wie in diesem Seminar versperrt die Angst vor dem Neuland häufig die Sicht auf die Lösung. Was fehlte, war eine neue Perspektive auf diese ungewisse Zukunft. Also bauten wir sie.

Ja, wirklich. Am nächsten Tag ließ ich das Team an einem Weiher eine Steg-Brücke ins Neuland „Digitalien“ bauen – zehn Meter lang, über echtes Wasser, bis ans andere Ufer. Und dort kam die gesamte Truppe erfolgreich und strahlend an. Das Neuland hatte seinen Schrecken verloren.

Mit Time-outs zum Ziel

Anschließend konnten die Führungskräfte mit freiem Kopf auf ihre strategischen Fragen schauen. Es dauerte nicht lange, bis der Knoten platzte: „Leute, wir baden in Daten!“ Die einzelnen Abteilungen hatten sie nur noch nicht richtig zusammengeführt. Wenn die Vernetzung gelingen würde, würden sich bedeutende Chancen eröffnen. Der Job des Prüfers würde sich nur verändern. Es lag wieder Hoffnung in der Luft.

So ein Umdenken gelingt nur, wenn Unternehmen sich Zeit für strategische Time-outs nehmen. Wenn sie sich eine Auszeit von der täglichen Routine und Abstand von der Gewohnheit nehmen. Dann gelingt der Blick in die neue Richtung und naheliegende Lösungen werden sichtbar. Symbole und Outdoor-Aktivitäten sind wertvolle Helfer gegen die üblichen 20-Punkte-Tagesordnungen. Sie machen den Blick frei für die Zukunft zum Anfassen.

Welches Symbol macht Ihre Zukunft greifbar?


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