WENN SCHÖNE PLÄNE HÄSSLICH ENDEN

Wenn schöne Pläne hässlich enden
Rainer Petek Allgemein, Bergsteigen, Unternehmen 28. April 2016 Leave a reply

„Aaaaaaaaaaaaaah!“

40 Meter ging es fast ungebremst in die Tiefe, als ich in der Nordwand der Les Courtes abstürzte. Unter uns: Ich hab beim Fallen nicht geschrien, war eher sprachlos und verwundert, als es plötzlich nach unten ging. Der Schrei drei Zeilen weiter oben hatte nur den Zweck, Sie in den Absturz-Film zu holen – Sie verzeihen …

Erst später, als ich über das beinahe fatale Unterfangen in dieser Nordwand nachsann, wurde mir bewusst, dass ich einen beinahe unverzeihlichen Fehler gemacht hatte – lange bevor ich mit meinem Seilpartner in die Wand eingestiegen war. Ich war in die Planungsfalle getappt. Ich hatte mich in der Vorbereitung so sehr in das Unternehmen hineingesteigert, dass ich später bei der Durchführung taub und blind geworden war für die feinen Signale aus der Umwelt. Dabei hätten sie mich vor der Lawine warnen können, die mich aus dem Stand riss.

Was Planung nicht kann

Das passiert nicht nur Einzelnen. Ganze Firmen können in die Planungsfalle laufen. Hier geht es nun weniger um falsch eingeschätzte Wetterverhältnisse, doch die Ergebnisse sind ebenfalls fatal.

Microsoft hat zum Beispiel unzählige Flops produziert, von denen sicher einige hätten vermieden werden können, wenn die Entscheider nicht so planverfallen gewesen wären. Das Betriebssystem für Tablet-PCs etwa, das sie anno 2000 herausbrachten und das anschließend ein Nischendasein in Lagerhallen fristete. Es war einfach zu teuer für den Privatmarkt. Zehn Jahre später war Apple supererfolgreich mit dem iPad.

Microsoft wollte vielleicht einfach zu sehr der Erste mit dieser Technologie sein. Und so geht es jedes Jahr unzähligen Unternehmen, wenn die Führungskräfte nicht genau genug auf die feinen Signale aus dem Markt hören und nur darauf achten, dass der einmal aufgestellte Plan akribisch eingehalten wird. Plötzlich ist das Ziel nicht mehr eine externe Referenz draußen am Markt, sondern kippt unbemerkt nach innen und wird in den Köpfen „vollkommen identifizierter“ Mitarbeiter und Führungskräfte zum immer stärkeren inneren Bezugspunkt – völlig abgeschottet von den Entwicklungen und Veränderungen draußen.

Antennen abgeschaltet?

In der Nordwand kann so ein Verhalten tödlich sein. Wer da seine Antennen für Wetter, Verhältnisse und Natur abgeschaltet hat und nur stur seinen Plan verfolgt, wird schnell ein Fall für die Bergrettung.

Und auch Unternehmen bringen sich regelmäßig in Schwierigkeiten, weil das flexible Reagieren auf den Markt der starren Planerfüllung weicht. Wenn der Unternehmer oder die Firmenleitung unbedingt das eine Produkt will und zwar genau so wie geplant, hängen die Blicke der Mitarbeiter nur noch am Plan. Der Markt wandelt sich jedoch ständig und hat das Produkt vielleicht längst obsolet gemacht.

Ohren auf für kleinste Signale

Ein Plan sollte keine Bibel, keine Roadmap, keine festgelegte Route sein. Pläne sind Vorstellungen von der Zukunft. Die Verhältnisse in der Welt können eklatant von dieser Vorstellung abweichen und dann muss der Plan angepasst werden.

Nun sind Produkte unter Umständen nicht so leicht abzuändern wie eine Kletterroute. Umso wichtiger ist es, schon die ersten, fast unhörbaren Signale zu bemerken, die auf eine Veränderung der Verhältnisse hindeuten. Wichtig ist, dass Sie offen bleiben und Ihre Antennen auf Empfang geschaltet haben. Und seien Sie stets bereit, Pläne zu ändern und die Richtung zu wechseln. Was Ihnen dabei helfen kann, sind vorhandene Alternativen im Denken – mentale Szenarien, die andere Entwicklungen und Möglichkeiten gedanklich antizipieren. Denken Sie sozusagen auf Vorrat andere Optionen durch, damit Sie im Fall der Fälle rasch reagieren können. Denn nichts ist gefährlicher als ein Plan, wenn Sie nur einen haben.

Was hätte ich 1986 statt der Courtes-Nordwand für eine schöne andere Kletterei im Granit von Chamonix haben können, wenn ich mit offenen Augen die Zeichen der Natur gelesen hätte und bereit gewesen wäre, meinen Plan zu ändern. Stattdessen stürzte ich damals ab.

Machen Sie es besser!


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