MANAGEMENT OHNE KONTROLLZWANG – SO LASSEN SIE LOS

Management ohne Kontrollzwang – So lassen Sie los
Rainer Petek Leadership 28. Juli 2016 Leave a reply

„So, und jetzt die Hände von der Wand wegnehmen!“

Bei dieser Instruktion bricht bei vielen Berganfängern und manchmal auch bei durchaus erfahrenen Kletterern der Schweiß aus. Beim Abseilen – besser gesagt beim Abgeseilt-werden – müssen sie jegliche Kontrolle über die Situation aus der Hand geben. Ihr Schicksal überlassen sie in dem Moment vollkommen ihrem Partner.

Klar, das geht gegen alles, was der Mensch instinktiv gelernt hat. Und die gleiche Beobachtung mache ich ständig in Unternehmen: wenn der Urreflex des Managers zuschlägt und Führungskräfte versuchen, alles unter Kontrolle zu bringen, anstatt an ein selbstorganisiertes Team zu glauben.

Bedeutet Selbstverantwortung nicht Chaos?

Das sinnbildliche Führungsseil aus der Hand zu geben und Ihr Team selbstverantwortlich arbeiten zu lassen, fällt schwer. Es ist mit Ängsten verbunden, die Ihnen vielleicht auch schon durch den Kopf gegangen sind. „Braucht es mich als Führungskraft dann überhaupt noch?“ und „Bedeutet Selbstverantwortung nicht Chaos“ höre ich am häufigsten. Dennoch bin ich ein überzeugter Verfechter eigenverantwortlicher und sich selbstorganisierender Teams. Mit ihnen können Sie die Kontrolle über das Unkontrollierbare erlangen – Sie müssen sich nur auf einen offenen, kreativen Prozess einlassen.

Das Schöne ist: Das können Sie schrittweise lernen oder Ihren Führungskräften beibringen. Ich greife das Thema Selbstorganisation zum Beispiel gerne in Workshops auf. Sie sind der richtige Ort, um alle Beteiligten langsam an die neue Denkweise heranzuführen. In meinen speziellen Workshop-Designs sind mir dabei zwei Dinge wichtig: Es braucht ein paar wenige regulierende Vorgaben einerseits und andererseits größtmöglichen Freiraum, den es selbstorganisiert zu gestalten gilt.

Grenzen und Freiräume benennen

Vor jedem Workshop spreche ich daher zunächst mit der Geschäftsleitung. Wir legen das Thema sowie die Leitfragen fest und stecken die Grenzen sowie die Freiräume ab. Wird zum Beispiel ein neues Geschäftsmodell fürs Unternehmen gesucht, könnte der Freiraum lauten: „Es darf auch über neue Strukturen nachgedacht werden.“ Und die Grenze heißt: „Ein Investitionsrahmen von x Euro darf nicht überschritten werden.“ So erhalten die Workshop-Teilnehmer einerseits einen Raum zum kreativen Austoben und andererseits auch eine Grenze, die Klarheit und Orientierung in Bezug auf das Dürfen gibt.

Mit diesen Vorgaben können Sie in den selbstorganisierten Workshop starten und Ihre Leute in einen kreativen Prozess schicken.

Immer in Richtung Ergebnis

Besonders spannend ist immer wieder die Reaktion der teilnehmenden Führungskräfte. Im Workshop erleben sie, wie schnell beeindruckende Ergebnisse entstehen können, wenn sie die traditionelle Kontrolle einmal vertrauensvoll aus der Hand geben.

Sinnvoll sind dabei mehrere Arbeitsrunden zum selben Thema – Iteration ist ein Schlüsselprinzip von intelligenter Selbstorganisation. Ich lasse die Teams jeweils zuerst Ideen, Ansätze und Vorschläge sammeln. Dann folgt eine erste Präsentation des Zwischenstands. An diesem Punkt herrschen oft noch Verwirrung und Chaos in den einzelnen Gruppen. Doch hier können nun alle helfen und mitdenken: Die anderen Gruppen geben ein ganz strukturiertes Feedback. Welche Ideen gefallen ihnen, was finden sie spannend, was fehlt noch? Sie geben der präsentierenden Gruppe die nötige Richtung für die nächste Arbeitsrunde!

Bereits in der zweiten Runde kommt oft schon mehr Klarheit ins Chaos hinein. Und wieder folgt das Richtungsfeedback. Spätestens nach dem dritten oder vierten Durchgang liegen so meist sehr gute Ergebnisse vor.

Führung beginnt bei Ihnen

Eine Begleiterscheinung dieses Workshop-Designs ist oft, dass die Führungskräfte merken, was für ein unglaubliches kreatives Potenzial in ihren Teams steckt, wenn sie nicht von vornherein alles festzurren. Das iterative Vorgehen hat den Charme, dass alle Teilnehmer aus ihrer anfänglichen Unsicherheit Schritt für Schritt hinausgeführt werden ins Vertrauen und in die Kreativität. Über einen solchen Prozess entsteht eine ganz andere Energie und ein anderes Engagement für die Umsetzung der Ideen, weil die Ergebnisse gemeinsam gefunden wurden und sich das Team den Weg aus der Unsicherheit und Konfusion hin zur Klarheit und Lösung selbst erarbeitet hat. Nebenbei sind Lösungen, die in einem echten Dialog gefunden werden, meist auch intelligenter.

Leadern kann ich deshalb nur empfehlen, das Vertrauen in ihre Abseilpartner aufzubringen und den Fels immer öfter loszulassen. Wenn sich das am Anfang ungewohnt anfühlt, probieren Sie sich in kleinen Settings aus, in denen nicht so viel an jeder Entscheidung dranhängt. Und Ihre Führungsrolle müssen Sie deshalb noch lange nicht an den Nagel hängen, im Gegenteil. Wird die Lösung einer Frage über längere Zeit nicht offensichtlich, sind Sie gefragt, den kreativen, hierarchiefreien Dialog im Team zu verlassen und zurück in die Rolle des Entscheiders zu schlüpfen: „Wir probieren es mit diesem Ansatz!“

Dieser Rollenwechsel erfordert Übung. Aber nichts anderes bedeutet Führung letztlich: Die Arbeit an sich ist die Arbeit an sich.


Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.