WIESO FREIHEIT ODER GRENZEN DIE FALSCHE FRAGE IST

Freiheit, Grenzen, Führung, Führungsstil, Selbstorganisation
Rainer Petek Leadership 6. Oktober 2016 Leave a reply

Freiheit ist eine fantastische Sache: Sie als Führungskraft geben Ihren Mitarbeitern Freiraum, und schon legen sie los und finden initiativ und selbstorganisiert Lösungen, alle sind kreativ und motiviert, der Laden läuft wie von selbst.

Richtig?

Schön wäre es!

In Wahrheit haben Sie als Führungskraft nach wie vor die Verantwortung, dass Ihr Team in die richtige Richtung läuft und nicht jeder einfach macht, was er will. Außerdem ist noch lange nicht gesagt, dass Ihr Team die Freiheit, die Sie ihm geben, überhaupt nutzt. Dass alle automatisch die Ärmel hochkrempeln, sobald sie Freiraum bekommen, ist nämlich ein Märchen.

Ist also Freiheit in der Arbeitswelt nur eine dieser typischen Management-Moden? Ist das altbewährte „Grenzen setzen“ und „Vorgaben machen“ nicht doch die bessere Führungsmethode?

Halt! Stopp!

Warum sich Kreativität nicht verordnen lässt

Die Frage, ob Sie Ihren Mitarbeitern entweder Freiheit erlauben oder Grenzen setzen sollten, ist die falsche Frage!

Wie Sie Ihre Mitarbeiter dazu anleiten, Freiräume zu nutzen und dennoch im Zielkorridor zu landen, wäre eine viel nützlichere Frage. Denn Ihr Team braucht nicht entweder Freiheit oder Grenzen, sondern SOWOHL Freiheit ALS AUCH Grenzen!

Was das konkret bedeutet, dazu habe ich für Sie eine schöne Metapher aus den Bergen: Ich führe bei einer Skiabfahrt im Gelände abseits der Pisten eine Gruppe an. Bevor wir in einen Tiefschneehang hineinfahren, versammle ich die Gruppe. Ich sage: „Der Hang ist nicht gefährlich. Jeder darf fahren, wo er will. Unten sammeln wir uns. Einer nach dem anderen.“

Dann fahre ich hinunter und gebe unten am Sammelpunkt das Zeichen, dass der nächste losfahren kann. Einer nach dem anderen kommt herunter.

Danach schaue ich mit der Gruppe die Spuren im Hang an. Was fällt auf? Die Breite des Hangs wurde überhaupt nicht genutzt! Fast alle Fahrer orientierten sich eng an meiner Spur. Nur ein Bruchteil der Möglichkeiten des Hangs wurden genutzt. Dabei hatte ich doch gesagt: Jeder darf fahren, wo er will!

Ist das nun ein Beweis dafür, dass die Freiheit der Wahl nicht funktioniert? Dass Mitarbeiter doch lieber Vorgaben haben wollen?

Keineswegs! Es ist nur ein Hinweis darauf, wie Freiheit im Business NICHT funktioniert!

Der Grund, warum Ihr Team die Freiheit nicht nutzt

Ich fahre wieder an einen Tiefschneehang und versammle die Gruppe. Diesmal gebe ich dem besten Skifahrer der Gruppe eine Aufgabe. Er soll sich auf dem Hang ganz links einen Weg suchen, während ich ganz rechts eine Spur setze. Unten treffen wir uns in der Mitte. Zur Gruppe sage ich vorher: „Innerhalb dieser beiden Spuren könnt ihr alles ausprobieren!“

Als wir uns diesmal unten versammeln und den Hang hochschauen, sehen wir eine Vielzahl von verschiedensten Spuren im Schnee. Der komplette Hang wurde ausgenutzt, kaum ein größerer Flecken blieb unberührt. Vom Anlehnen an eine Führungsspur war nichts mehr zu erkennen!

Was heißt das für Sie als Führungskraft? Gerade Mitarbeiter, die mit direktiver Führung groß geworden sind, können nicht von heute auf morgen Freiräume nutzen, sobald die Anweisungen und Vorgaben wegfallen. Wenn Sie Ihr Team um kreative Lösungen bitten, werden Sie darum oft nur lauwarme, eher konservative Vorschläge ernten. Sie können Freiheit so laut und deutlich anordnen, wie Sie wollen, Ihr Team wird sich dennoch nicht sehr weit aus dem Fenster lehnen.

Was fehlt? Die Grenzen!

Vergessen Sie bei der Freiheit die Vorgabe einer klaren Linie!

Freiheit und Grenzen gehören zusammen. Ihre Mitarbeiter brauchen beides. Was am Berg die linke und die rechte Spur sind, ist in Ihrem Unternehmen der klare Handlungsrahmen, den Sie zuerst umreißen müssen, bevor Sie Ihre Mitarbeiter loslaufen lassen. Dieser Handlungsrahmen zeigt Ihrem Team, wo es sich risikoarm und ohne Furcht vor dem Scheitern oder Sanktionen bewegen kann. Erst dann wird es bereit sein, die Freiheit innerhalb dieses Rahmens vollumfänglich zu nutzen.

Und auch für Sie, den Chef, liefert der Handlungsrahmen Sicherheit: Nämlich die Sicherheit, dass Ihre Mitarbeiter grundsätzlich im Sinne des Unternehmens und dessen angestrebter Entwicklungsrichtung agieren.

Insofern gilt: Freiheit im Business erschöpft sich nicht darin, einfach nur Freiraum zu gewähren. Freiheit ist auch nicht die Abwesenheit von Führung. Doch anstatt direkte Vorgaben im Sinne einer klaren Linie zu machen, was Ihre Mitarbeiter tun oder lassen sollen, bedeutet Freiheit, dass Sie Ihre Mitarbeiter verantwortungsvoll an ein Handlungsfeld heranführen. An ein Feld, nicht an eine Linie.

Und ein Feld hat eben auch Grenzen.


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