WOHER SOLL DIE INNOVATIONSKRAFT FÜR DIE DIGITALISIERUNG KOMMEN?

Digitalisierung, Unternehmen, Entwicklung, Start-Up, Silicon Valley, Konkurrenz
Rainer Petek Innovation, Unternehmen 12. April 2017 Leave a reply

Die Digitalisierung macht vielen „alteingesessenen“, etablierten Unternehmen ganz schön Feuer unterm Hintern. Der Wettbewerb kommt nicht von hinten, sondern von der Seite und gibt mächtig Gas. Das macht Druck!

Wie können sie beschleunigen? Wo sollen die Innovationen herkommen? Neuerdings versuchen etablierte Unternehmen deshalb, sich der Frische und der Innovationskraft von Start-ups zu bedienen: Sie gründen sogenannte „Innovation Labs“, bestücken sie mit jungen, flotten Mitarbeitern und mit ordentlich Kapital, um gute Ideen ausbrüten zu lassen. Anschließend sollen diese Neuerungen dann ins Unternehmen geholt und umgesetzt werden.

Aber genau da klemmt es dann. Die Konflikte sind vorprogrammiert. Denn erstens sind das „fremde“ Ideen, die nicht im etablierten Unternehmen entstanden sind, zweitens sind das „junge“ Ideen, die im Innovation Lab in einer ganz anderen Kultur entstanden sind, drittens machen die Innovationen Angst, denn sie bringen immer handfeste Auswirkungen auf die bestehenden Jobs – und vor allem Machtverhältnisse – mit sich. Das Ergebnis ist häufig, dass sich die Influencer im „Altunternehmen“ dagegen sperren und die neuen Ideen aus dem Innovation Lab ins Leere laufen lassen.

Wie lässt sich dieser Konflikt lösen? Sind Innovation Labs überhaupt eine praktikable Idee? Wenn nicht, wie geht es dann?

Das Erbe will fortbestehen

Zunächst mal geht es nicht um Konflikte, sondern um Spannungen. Den größten Schritt nach vorne machen Sie, wenn Sie akzeptieren, dass diese Spannungen normal sind. Sie sind überhaupt nicht negativ, sondern sie entstehen zwangsläufig, wenn junge Wilde mit Dienstälteren zusammenarbeiten, wenn neue Ideen auf etablierte Prozesse treffen.

Wenn Sie also überhaupt irgendetwas verändern wollen im Unternehmen, müssen Sie akzeptieren, dass es Spannungen gibt. Ja, Sie brauchen die Spannungen sogar! Denn aus ihnen entsteht die Energie, die Sie benötigen, um feste Strukturen umzuformen.

Wenn Sie ein Start-up simulieren, indem Sie ein Innovation Lab ausgründen, dann maximieren Sie die Spannungen natürlich. Der Vorteil eines Start-ups ist ja, dass es kein Erbe antritt, sondern auf der grünen Wiese völlig unbelastet startet. Das hilft enorm bei der Entwicklung von Neuem. Aber irgendwann kommt das Erbe dann eben doch zum Tragen: spätestens wenn die extern entwickelte Idee intern implementiert werden soll. Denn hier haben die echten Start-ups im Silicon Valley, Berlin oder anderswo ihren Vorteil: Sie brauchen nichts in ein Alt-System einführen! Und dabei wird der ganze Vorsprung wieder eingebüßt, denn dann versucht sich das Erbe im Zusammenprall mit dem Neuen erst recht zu behaupten.

Vor allem weil bei diesen Change-Management-Projekten das alte System, die bewährten Strukturen oft zu wenig Würdigung und Wertschätzung erhalten. Das Neue ist cool und hip und vielversprechend. Aber das Geld – auch für die Etabllierung von Innovation Labs und Start-Ups! – wurde oder wird in den meisten Fällen eben noch vom alten System verdient. Dann trifft die große Start-up-Euphorie auf die kühle Nüchternheit des alten Systems: „Wir haben die Grundlage für alles hier geschaffen und die wollen uns jetzt erklären, wie die Dinge laufen? Nicht mit uns!“

Brain-Drain-Gefahr

Und die Sorgen der „Alten“ sind ja durchaus berechtigt! So ein digitalisierter Geschäftsprozess wird tatsächlich den einen oder anderen Job kosten, bestimmte Tätigkeiten, bestimmte Leute werden nach dem Change-Projekt möglicherweise keinen Platz mehr haben. Das ist die Realität und die damit verbundenen Sorgen sind nicht wegzureden.

Im Extremfall hört an diesem Punkt die Loyalität altgedienter Mitarbeiter zum Unternehmen auf. Wenn sie merken, dass die jungen Wilden von der Unternehmensführung mehr wertgeschätzt werden und sie selbst zum alten Eisen geworfen werden sollen, dann gehen sie entweder frustriert in die innere Kündigung oder versuchen, mit ihrer großen Erfahrung noch woanders unterzukommen. Womöglich gar beim Wettbewerb. Und gerade der Verlust der Kompetenz dieser langjährigen Mitarbeiter kann für Unternehmen mehr als teuer sein.

Allerdings können Sie den erfahrenen Mitarbeitern, deren alte Aufgabe wegfällt, nur dann neue Aufgaben geben, wenn sie zu einer Veränderung ihres Berufsumfelds zum Wohle des ganzen Unternehmens bereit sind. Die Frage ist also, wie die Spannungen beherrscht werden können. Sie ganz zu eliminieren, kommt jedenfalls nicht infrage, denn das hieße, auf Innovationen und damit auf die Zukunft komplett zu verzichten.

Sowohl-als-auch statt Entweder-oder

Ich glaube, dass die Ausgründung der Innovationskraft in Innovation Labs nur dann Sinn ergibt, wenn es für das Unternehmen keine Feigenblatt- oder Alibi-Aktion ist und es den daraus entstehenden Spannungen nicht aus dem Weg geht. Die Spannungen zwischen jung und erfahren, zwischen neu und bewährt, zwischen Effektivität und Effizienz, zwischen digital und analog, zwischen schnell und verlässlich, all diese Spannungen sollten Unternehmen ganz bewusst und absichtlich erzeugen, um sie dann gezielt für die Weiterentwicklung des Unternehmens nutzen zu können.

Und manchmal müssen Sie dazu kein Lab gründen: Denn neue Ideen gibt es überall im Unternehmen. Viel sinnvoller ist es manchmal, die ohnehin vorhandenen Ideen aufzuspüren und sie mit Aufmerksamkeit und Ressourcen zu verstärken.

Und dann kommt es auf Führungskunst an: Gremien und Teams sollten Sie von vornherein mit unterschiedlichen Erfahrungshintergründen besetzen. Sie brauchen graue Schläfen genauso wie die jungen wilden Hunde. Sie brauchen Respekt vor dem Alter und Respekt vor der Jugend im Team. Und das beginnt schon ganz oben in der Hierarchie!

Wenn Sie es schaffen, schon in der Leitungsebene den frischen Blick und die große Erfahrung voneinander profitieren zu lassen, anstatt dass sie einander bekämpfen, dann haben Sie sehr gute Chancen, in allen Ebenen des Unternehmens auch weiter unten in der Hierarchie einen fruchtbaren Austausch der Generationen zu generieren. Und wenn ein 40-Jähriger bereits 20 Jahre im Unternehmen ist, dann gehört der übrigens auch zu den alten Recken, denn ich meine nicht das Lebensalter.

Digitalisierung ist gar nichts Neues

Wenn Sie diese Herausforderung erkennen, werden Sie einsehen, dass Innovation Labs im Allgemeinen noch nicht dabei helfen, aus diesen natürlichen Spannungen Energie zu erzeugen. Sie führen sogar manchmal dazu, dass der Machtkampf vorprogrammiert ist. Und das können Sie genau dann, wenn der Wettbewerb an Intensität zunimmt, am wenigsten gebrauchen.

Neu gegen alt – das ist die ewige Herausforderung, der natürliche Gegenstand jedes Change-Management-Projekts. Das war schon immer so. Nur verkleidet sich das derzeit eben im Gewand der Digitalisierung.

Aber die ist auch nur der aktuellste Akt in dem ewigen Spiel, das früher einfach Fortschritt hieß.


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