DIE SCHNELLSTE STRATEGIE ENTSTEHT LANGSAM

Strategie, Führungskraft, langsam, Unternehmen, Innovation, Rainer Petek, langsam, Zeit
Rainer Petek Unternehmen 3. Mai 2017 Leave a reply

Wenn es um Strategie geht, stehen viele Führungskräfte vor einem ähnlichen Dilemma, egal ob sie zur Topriege oder zum mittleren Management gehören: Um über Strategisches nachzudenken, fehlt vielen schlicht die Zeit. Sie stecken fest im ständigen Firefighting-Modus, sind also ununterbrochen damit beschäftigt, Brände zu löschen. Unter diesem operativen Druck gerät die Beschäftigung mit strategischen Fragen fürs Unternehmen geradezu zur Utopie.

In der Folge sind viel zu viele Unternehmen stark reaktiv unterwegs. Dabei könnten sie ihre Zukunft proaktiv besser gestalten. Um wieder Raum für Strategisches zu schaffen, ist ein massiver Wandel im Denken und Handeln die einzige Lösung.

Das Zeitalter ohne Zeit

Selbstverständlich ist der Schrei nach einer Veränderung schneller getan als umgesetzt. Denn strategisches Denken und Handeln im Unternehmen benötigt in erster Linie: einen anderen Gebrauch von Zeit.

Wie soll ein Mitarbeiter strategisch denken, wenn er schon gewohnheitsmäßig am Anschlag arbeitet? Wie soll er, zugeschüttet mit Arbeit und unter ständigem Druck, kreative und innovative Ideen aus dem Ärmel zaubern? Woher soll er die Energie nehmen, eine Strategie zu entwickeln oder zu realisieren?

Strategie braucht Zeit. Sich diese zu nehmen, scheint in der heutigen Zeit jedoch für viele keine bevorzugte Option zu sein: Eine Führungskraft, die keinen prall gefüllten Terminkalender vorweisen kann, hat ja vermeintlich nichts zu tun. Also füllen wir unsere Kalender munter mit operativen To-dos und verschieben Strategisches auf die Zukunft. Die in Unternehmen allgemein akzeptierten Werkzeuge der Verschiebung heißen Plan oder Roadmap.

Die schnellste Strategie entsteht langsam

Wenn Ihr Kalender Ihnen diktiert, in Windeseile von A nach B zu springen, ist es hilfreich, exakt das Gegenteil zu tun: Für eine erfolgreiche Strategie, für mehr Effektivität im schnelllebigen Alltagsgeschäft brauchen Sie den Mut zur Verlangsamung. Und zwar in zweifacher Hinsicht:

Die erste Art von Verlangsamung meint den Mut, sich ausgiebige und eigens gestaltete Zeiträume für die Auseinandersetzung mit strategischen Fragen zu nehmen. Das klingt zunächst kontrovers in einer Zeit, in der alle nach schnelleren Prozessen und dem effizientesten Zeitmanagement schreien. Das ist es jedoch in keinster Weise. Damit Sie überhaupt Raum für neue Gedanken haben, damit Sie kreativ werden und an einer innovativen Strategie arbeiten können, benötigen Sie den Mut zum Time-out. Eine Auszeit, in der Sie strategische Fragen substanziell durchdenken können und potenziellen Ideen überhaupt erst die Gelegenheit geben, an die Oberfläche zu gelangen.

Die zweite Art von Verlangsamung meint den Mut zur operativen Temporeduktion im tagtäglichen Tun, um strategisch zu beschleunigen. Führen Sie sich vor Augen: Es geht bei Strategie immer um die Zukunftswirkung heutiger Entscheidungen. Das bedeutet, dass auch jedes operative Handeln einen strategischen Gehalt hat (oder zumindest haben könnte – leider hat es viel zu oft nur unerwünschte Folgen). Damit Ihre heutigen Entscheidungen bessere Chancen haben, die erwünschte Zukunftswirkung zu zeigen, brauchen Sie mitten im gegenwärtigen Tun Raum für strategische Überlegungen – und diesen bekommen Sie nur durch Verlangsamung.

Es ist diese Gleichzeitigkeit von Denken und Handeln, die den Grundstein für eine Erfolg versprechende Strategie legt. Das habe ich auch beim Bergsteigen vielfach erlebt: Auf Touren gibt es klassischerweise zwei Typen von Bergsteigern. Die einen zeichnen sich durch ein langsames, stetiges Tempo und überlegtes Vorgehen aus. Die anderen sprinten und springen gerne voraus, um möglichst schnell am Gipfel anzugelangen, gelangen aber nur als Erste ins Hecheln. Das Endergebnis ist ein interessantes: In aller Regel genießen die vermeintlich langsamen Kandidaten zuerst die Aussicht vom Gipfel. Denn die schnellen ermüden und haben weder Zeit noch genügend Sauerstoff zum Denken. Sie treffen in ihrem Gebtrieben-sein falsche Entscheidungen, schlagen unüberlegt sinnlose Wege ein und verspielen in kürzester Zeit ihre Energie.

Verabschiedung von der Trennung

Die Langsamen und Bedächtigen kommen meist schneller ans Ziel. Doch viele Unternehmen neigen heutzutage dazu, langsames Denken und schnelles Handeln als unvereinbar anzusehen. Diese Entwicklung kennen Sie aus dem Job ebenso wie aus dem Privatleben. Schon in Kindheitstagen wird uns die Weisheit eingetrichtert: Erst denken, dann handeln! Im vielfach noch immer tayloristisch geprägten Management ist das nicht anders: Leitende Positionen, Manager und Führungskräfte, übernehmen das Denken. Die Mitarbeiter, die ausführenden Kräfte, kümmern sich anschließend ums Handeln. Beide Kompetenzen sind strikt getrennt. Und das bereits seit jüngster Zeit: Schon im Schöpfungsmythos der christlichen Welt war Gott der Schöpfer, der Denker, der Planer. Und der Mensch der Handelnde, sein tatkräftiger Umsetzer auf der Erde.

Um Ihre Strategie voranzubringen, dürfen Sie sich von exakt dieser jahrtausendealten Trennung verabschieden. Sie brauchen das Denken und das Handeln vereint.

Noch einmal: In der Strategie-Arbeit ist nicht nur die Auseinandersetzung mit der Zukunft entscheidend, auch die Auswirkungen des heutigen Handelns auf die Zukunft sind von Bedeutung. Zu viele Führungskräfte begnügen sich in ihrem operativen Druck damit, eine Strategie mit bloßem Pläneschmieden gleichzusetzen. Sie halten fest, was sie erreichen wollen oder welches Ziel sie anstreben. Welche Zukunftswirkung schon das heutige Handeln und die aktuell getroffenen Entscheidungen haben, bleibt auf der Strecke. Dabei ist gerade dies der Schlüssel zur Veränderung im Hier und Jetzt.

Den Blick für diese Potenziale finden Sie mit der nötigen souveränen Langsamkeit und mit intelligent gestalteten Time-Outs. Ohne diese schafft keine Strategie den Sprung vom Papier ins Handeln.

Wenn ein Kaffee Wunder wirkt

Führungskräfte sind deshalb gut beraten, vermehrt Raum zum Nachdenken zu schaffen, auch um ihre persönliche Rolle zu reflektieren. Fragen Sie sich selbst: Welche Strategie ist für Ihr Unternehmen sinnvoll und trägt auch in der Zukunft? Was wollen Sie beitragen, damit diese Strategie umgesetzt wird? Und blicken Sie in den Spiegel: Welche Zukunft nähren Sie tatsächlich durch Ihr heutiges Tun?

Oder wenn ich das einmal ganz salopp herunterbrechen darf: Gönnen Sie sich eine Tasse Kaffee. Ungestört und entspannt. Mit Zeit zum strategischen Nachdenken. Und verstehen Sie dies als Arbeit.

Am besten laden Sie dazu auch gleich noch Ihr Team ein. Denn keine Strategie wird von einer Führungskraft alleine erdacht oder umgesetzt. Und wenn Sie schon alle an einem Tisch sitzen haben, können Sie auch gleich gemeinsam erörtern: Welches Prozesstempo ist das effizienteste für Sie? Wie schnell können Sie handeln und gleichzeitig denken?

Kurz: Wie langsam sollten Sie gehen, um schnell zu sein?


Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.