MIT INTELLIGENTEN STRUKTUREN NICHT LÄNGER IN DEN SEILEN HÄNGEN

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Rainer Petek Unternehmen 10. Mai 2017 Leave a reply

Unzählige Führungskräfte fordern innovative Ideen – am besten in allen unternehmerischen Strukturen. Und viele Mitarbeiter kommen diesem Anliegen auch gerne nach. Wenn da nicht diese langen Wege zur Umsetzung der Innovation wären …

Denn kaum ist die Idee gefunden, ist der Marathon eröffnet. Schließlich lösen innovative Veränderungen in den bestehenden Strukturen vor allem eines aus: Absicherungsaktivitäten. Und das bitte nicht zu knapp. Also durchläuft eine Entscheidung erst einmal sämtliche Ebenen des Unternehmens und um überhaupt die Ziellinie überschreiten zu dürfen, braucht es zuvor die notwendigen 20 Unterschriften aller Verantwortlichen.

Kein Wunder also, dass so manchem bemühten Mitarbeiter die Zunge vor Erschöpfung bis zum Boden hängt. Wenn er nicht freiwillig vorzeitig aufgibt. So ein Kreuz-und-quer-Gerenne – von A nach C über B – kann ganz schön anstrengend sein. Passen Sie auf: Vielleicht hängt auch Ihr Unternehmen dank solcher Strukturen längst in den Seilen!

Starre Strukturen im Unternehmen

In den Sicherungsseilen, um präziser zu sein. Denn zu viel Absicherung raubt Zeit, die in meinen Augen in der Umsetzung von Innovationen produktiver eingesetzt wäre. Dieses Phänomen habe ich schon in vielen Unternehmen in den unterschiedlichsten Ausprägungen beobachtet. Wenn Führungskräfte beispielsweise nach abteilungsübergreifender Zusammenarbeit streben, weigern sie sich dennoch, ihren Mitarbeitern mehr Bewegungsfreiräume, also ein längeres Seil zuzusprechen. Folglich werden auch weiterhin die Ziele in den einzelnen Abteilungen festgeschraubt und Prämien ausschließlich für vermeintliche Einzelleistungen ausgezahlt.

Das daraus resultierende Verhalten ist absehbar: Jeder Mitarbeiter bleibt sich selbst der nächste. Die Silos bekommen immer dickere Mauern und da die einzelnen Mitarbeiter kaum Entscheidungsfreiräume zur Verfügung haben, laufen sie weiter von einem Verantwortlichen zum nächsten, um jeden Zwischenschritt absegnen zu lassen.

Und die gewünschte Innovation? Die bleibt reine Wunschvorstellung. Denn was solch starre Strukturen zutage bringen, sind lediglich Reibungspunkte und unproduktive Konfliktherde.

Unnötige Reibung

Beim Bergsteigen nennt man das Seilreibung. Diese entsteht vor allem durch falsche und übermäßige Absicherungsbemühungen. Ein schlechter Kletterer agiert auf diese Weise. Er hängt sein Seil in so viele Haken zur Zwischensicherung ein, wie er nur zur Verfügung hat und meist auch noch kreuz und quer über den ganzen Aufstieg verteilt – wohin ihn sein nächster Griff eben gerade führt. Was nach verantwortungsvoller Absicherung klingt, lässt schnell einen großen Fehler erkennen: Ein Sicherungsseil, das im Zickzack nach oben gezogen werden muss und dabei an unzähligen Karabinern reibt, wird schlicht unglaublich schwer – und bremst den Kletterer schließlich völlig aus.

Ein guter Kletterer im Gegensatz agiert in der Wand, auch in extremen Überhängen, intelligenter. Dies zeigt sich, indem er sich mit möglichst wenig (bzw. gerade so viel wie nötig) Zwischensicherungen geradlinig in Richtung Gipfel bewegt. Unnötigen Reibungspunkten entgeht er damit. Schließlich ist der Kampf gegen die Schwerkraft schon hart genug.

Deshalb gelten beim Klettern folgende zwei Regeln:

  1. Sichere dich nicht zu viel ab, weil Sicherungen langsam machen und Kraft rauben.
  2. Wenn der Kampf gegen die Seilreibung härter ist, als der Kampf gegen die Schwerkraft, hast du Regel 1.) falsch interpretiert – beginne neu, wenn es sein muss nach einer Pause von ganz unten.

Wenn Kletterer diese Punkte berücksichtigt, wird er sich einfacher und freier dem Gipfel nähern.

Karabiner an der richtigen Stelle

Natürlich hören sich diese Regeln für das Klettern ja wunderbar an, aber heißt das jetzt auch, dass Sie jedem Mitarbeiter im Unternehmen eine lange Seillänge gewähren sollen und auf Zwischensicherungen getrost verzichten sollten?

Nein, das heißt es natürlich nicht. Sie sollen im Business auf keinen Fall alle Sicherungen und Karabiner aus der Hand geben und Ihr Führungsseil gar nicht mehr auf Zug halten. Absicherungen sind auch weiterhin förderlich, aber eben in sinnvollem Maß.

Am Berg zum Beispiel kann ich getrost auf einzelne Zwischensicherungen verzichten, wenn ich merke, dass sie mich eher ausbremsen, als wirklich die Sicherheit des (Kletter)Unternehmens zu erhöhen. Dabei würde meine Wahl nie auf überlebenswichtige Sicherungen fallen, das ist selbsterklärend. Und diese Intelligenz für das beste Optimum benötigen Sie auch im Unternehmen: Hängen Sie Ihre Sicherungskarabiner an der richtigen Stelle und in der optimalen Menge in Ihre Sicherungskette.

Ein Experiment für mehr Erfolg

In der Praxis bedeutet das, dass Sie beispielsweise einmal eine neue Art der Incentivierung für Teams ausprobieren könnten, anstatt weiterhin Einzelkämpfer zu belohnen. Oder dass Sie Ihre Budgetierung in einem gewissen Rahmen einmal radikal ändern und sehen, was passiert.

Natürlich erwarte ich nicht von Ihnen, dass Sie von jetzt auf gleich Ihr ganzes Unternehmen über den Haufen werfen und mit all Ihren bewährten Strukturen brechen. Nein, sehen Sie diese Neuerung als Experiment. Eine zeitliche Frist für dieses Projekt wird Ihnen dabei helfen, ein Fazit ziehen zu können, ob die Neuerung gefruchtet hat. Haben sich dadurch Erleichterungen in der Leistungserbringung oder Zusammenarbeit gezeigt oder nicht? Wenn nicht – wie müsste ein neues Experiment gestaltet werden, das mehr Aussicht auf Erfolg hat?

Selbstverständlich verstehe ich, dass eine Veränderung im Unternehmen gerade zu Beginn nicht einfach von der Hand geht. Ihnen wird viel Mut abverlangt. Den Blick auf eine Wand voller teils falsch eingehängter Karabiner zu werfen, kann sehr aufreibend sein, keine Frage. Schließlich kommen die nicht von ungefähr: Viele Unternehmen haben ihre hinderlichen Strukturen ins Leben gerufen, weil zu irgendeinem vergangenen Zeitpunkt ein Projekt nicht nach Plan verlief. Was dann eingeführt wird, ist logisch: ein „perfekter“ Risikomanagementprozess im Unternehmen mit vielen kleinen Absicherungen für alle Eventualitäten. Damit solch ein Verlustprojekt in Zukunft nicht noch einmal passiert, wird der gerade geschehene Einzelfall aufs ganze Unternehmen, ja auf alle Mitarbeiter auf alle Zeit hin umgelegt. Das führte bei einem Unternehmen, das mich als Berater holte, jedoch lediglich dazu, dass kaum noch große Aufträge gewonnen werden konnten, weil die gewünschte 100%ige Sicherheit der Projekte in hohen Risikoaufschlägen verpreist wurde und das Unternehmen mit seinen Angebotspreisen niemals wettbewerbsfähig war. Gerade in solchen Fällen möchte ich Sie im Speziellen ermutigen, Ihre Sicherungen zu überprüfen: Welche davon sind tatsächlich sinnvoll und wo können Sie einige herausnehmen und Seilreibung vermeiden?

Der schonungslose Blick

Um überflüssige Karabiner zu erkennen, benötigen Sie einen ehrlichen, schonungslosen Blick in den Spiegel und auf Ihr Unternehmen. Kein leichter Weg, ich weiß. Doch was Sie im Gegenzug erhalten, ist aller Mühe wert. Durch das Wegschaffen von Hindernissen in Ihren unternehmerischen Strukturen werden Sie eine neue Kooperationskultur schaffen. Eine, in der nicht nur Führungskräfte, sondern auch Mitarbeiter im Sinne des Unternehmens nach intelligenten Lösungen für Zusammenarbeit suchen können.

Wenn Sie Ihre übervorsichtig platzierten Karabiner loswerden, dann hängen Sie, Ihr Unternehmen und Ihre Mitarbeiter nicht länger hilflos in den Seilen. Sondern Sie werden endlich das, was jedes erfolgreiche Unternehmen sein will: innovativ.


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