INNOVATIV ODER HOCHVERLÄSSLICH – WARUM ODER? 

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Rainer Petek Innovation 24. Mai 2017 Leave a reply

Ihre (Ihnen natürlich bekannten) Mitbewerber – die üblichen Verdächtigen sozusagen – bringen regelmäßig neue Innovationen auf den Markt. Andere wiederum, die Sie möglicherweise noch gar nicht auf Ihrem strategischen Radarschirm haben, schicken sich eher unbemerkt und von der Seite kommend an, die Grundlagen Ihres heutigen Geschäfts obsolet zu machen, indem sie die Spielregeln Ihrer Branche auf den Kopf stellen … Höchste Zeit, selber kühne Schritte nach vorne zu wagen!

Ich kenne kaum ein Unternehmen, für welches die Steigerung der eigenen Innovationskraft und –geschwindigkeit heute nicht einen der obersten strategischen Agendapunkte darstellt. Gleichzeitig operieren die meisten Unternehmen nicht nur in einem kompetitiven, sondern auch überraschungsreichen Marktumfeld – und das stellt die Firmen vor die zusätzliche Herausforderung, nicht nur innovativ sein zu müssen, sondern auch im heutigen, bestehenden Geschäft unter allen Umständen und Rahmenbedingungen verlässlich Topleistung erbringen zu müssen.

Geht das überhaupt: Hochverlässlichkeit und Innovationskraft unter einen Hut bringen? Ich weiß aus Erfahrung: Es funktioniert beim Bergsteigen und es ist auch in Unternehmen möglich.

Runterfallen mit System

Am Anfang meiner professionellen Bergführerlaufbahn bot ich in der Hauptsaison Touren zum Matterhorn, zum Mont Blanc und zum Großglockner an. Sie können sich vorstellen, dass wir nicht die einzigen Bergsteiger auf diesen „Modebergen“ waren. Das war nicht nur bergsteigerisch uninteressant, sondern auch wirtschaftlich nur begrenzt attraktiv.

Anfang der 1990er-Jahre habe ich mich dann entschieden, meine Klienten durch Extremrouten zu führen. Klar, dass hier für jeden Klienten ein Training notwendig ist, bevor man mit ihm in eine extreme Wand einsteigt. Nur wie soll das am Berg gehen? Fehler machen ist dabei nicht wirklich ratsam: Ernste alpine Extremrouten sind „fehlerunfreundlich“, sie verzeihen keine Fehler.

Daher ging ich mit meinen Kunden zuerst zum spielerischen Sportklettern an den Klippen der Cote d’Azur und auf Mittelmeerinseln. Da konnten sich meine Kletterkunden bei besten Sicherungsbedingungen ausprobieren und auch mal runterfallen – und so ihre Leistungsgrenzen im „fehlerfreundlichen Kletterlabor“ nach oben verschieben. Sie wurden damit für Extremsituationen in der Nordwand bestens vorbereitet und konnten durch das spielerische Sportklettertraining später im alpinen Bereich viel höhere Schwierigkeitsgrade bewältigen.

Die Situation in Unternehmen ist ähnlich: Es gibt diese „fehlerunfreundlichen“ Bereiche, in denen Fehler unter keinen Umständen passieren sollten, weil sie extrem teuer sind und den Ruf schädigen. Hier brauchen Sie hochverlässliche Leistungserbringung. Andererseits geht es darum, zukünftige Erfolgspotenziale aufzubauen, und das erfordert Innovation. Und diese ist selten die Folge eines perfekten Plans, sondern erfolgt durch cleveres Experimentieren.

Duale Strukturen aufbauen

Unternehmen empfehle ich, sich zu diesem Zweck duale Strukturen aufzubauen – das bedeutet, im bestehenden Geschäft nach Hochverlässlichkeit zu streben und parallel ein Umfeld für Experimente zu schaffen, in welchem echte Innovationen entstehen können und in dem an der Wertschöpfung der Zukunft gearbeitet werden kann. Räume, in denen ein differenzierterer und vor allem produktiverer Umgang mit Fehlern möglich ist. Schaffen Sie sich daher auch in Ihrem Unternehmen parallel zum gegenwärtigen Geschäft eine Struktur, in der im übertragenen Sinne „Sportklettern und Runterfallen“ erlaubt sind. Wesentlich ist, dass jeder im Unternehmen zu jedem Zeitpunkt weiß, in welcher der beiden Welten er oder sie gerade arbeitet.

Innovation im Container: Fail early to learn quickly!

Es gilt tatsächlich, einen geschützten physischen Raum zu schaffen, in welchem Innovationen entstehen können. Zum Beispiel einen Prototypen-Container. Nein, Sie müssen jetzt kein Lab in Berlin gründen oder Ihr Team für Innovationen in eine Garage ins Silicon Valley schicken. Ein Container im Hof, ein Raum oder ein Gebäudeteil in Ihrem Unternehmen kann völlig ausreichen – eine Testumgebung, in der Sie Prototypen bauen können, in der ausreichend Zeit zum Reifen der innovativen Ideen vorhanden ist und in der das Ausprobieren, Verrücktsein und auch Scheitern erlaubt ist.

Und damit Ihre Innovationen auch wirklich marktfähig werden, laden Sie Ihre Kollegen, Partner, Zulieferer und Kunden in den Container ein. Ja, wirklich! Geben Sie Ihre Prototypen schon in einem sehr frühen Entwicklungsstadium den potenziellen Kunden oder Anwendern in die Hand. Warum früh? Sie werden für ein offensichtlich unfertiges Produkt hauptsächlich konstruktives, in die Zukunft gerichtetes Feedback bekommen. Und Sie können potenziellen Fehlentwicklungen schon sehr früh entgegenwirken. Geben Sie den Menschen hingegen nahezu perfekte Prototypen in die Hand und Sie werden daran rummäkeln. Und Ihr Team wird sich und die Unzulänglichkeiten verteidigen, weil schon so viel Arbeit reingeflossen ist und man jetzt nichts mehr ändern will.

Also trauen Sie sich und holen Sie Kunden wirklich schon sehr früh dazu. Beobachten Sie Ihre Kunden dabei und bitten Sie auch um Feedback. So erfahren Sie, ob Sie mit Ihrer Entwicklung auf dem richtigen Weg sind.

Das ist weit schneller und günstiger, als das Produkt am grünen Tisch zu entwickeln und dann irgendwem mit Powerpoint zu präsentieren. So können die Entwickler, die Zulieferer und auch potenzielle Kunden das Produkt anfassen und austesten. Fehler in der Entwicklung treten so frühzeitig zutage und praktische Lösungen werden viel schneller offensichtlich.

Sowohl-als-auch statt Entweder-oder

Mit einer eindeutig ausgeschilderten Parallelstruktur für Innovationen lösen Sie außerdem einen vermeintlichen Widerspruch auf. Viele Leute denken nämlich in Kategorien von Entweder-oder: „Entweder trimmt man ein Geschäft auf Verlässlichkeit oder auf Innovation.“ Die Folge davon ist, dass meistens faule Kompromisse gemacht werden, was dann in der Regel bedeutet, dass das Unternehmen weder wirklich verlässlich noch wirklich innovativ ist. Dabei ist ein Sowohl-als auch-Ansatz weit sinnvoller. Plötzlich ist es nämlich kein Widerspruch mehr, hochverlässlich UND innovativ zu sein, weil klar ist, dass es sich um zwei unterschiedliche Welten handelt, in denen auch unterschiedliche Erfolgslogiken gelten.


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