WIE EINE FÜHRUNGSKRAFT IN DER VOLLEN FÜHRUNGS-KRAFT BLEIBT

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Rainer Petek Leadership 7. Juni 2017 Leave a reply

Eine Führungskraft nach der anderen ließ den Kopf in die Hände sinken, raufte sich die Haare, sah hilfesuchend in die Runde. „Wie bringen wir das unseren Mitarbeitern bei?“, raunte schließlich einer.

Vor mir saß das Management-Team eines Kunden, den ich über zehn Jahre wiederholt betreut hatte – bei einem Markenprozess, bei mehreren Reorganisationen, bei Changeprozessen und: bei Eigentümerwechseln. Einen eben solchen hatte das Unternehmen gerade erst erfolgreich hinter sich gebracht. Da grätschte der neue Eigentümer mit einer überraschenden Idee in den Prozess hinein, die die Mitarbeiter ordentlich vor den Kopf stoßen würde.

Wie soll eine Führungskraft sich da richtig verhalten?

Macht euch keine Sorgen

Eigentümerwechsel bringen stets Unruhe und Anspannung mit sich. Wie wird es weitergehen? Sind die Jobs im Unternehmen sicher? Mein Kunde hatte sich gut vorbereitet, war schnell in ruhiges Fahrwasser zurückgekehrt und das Management hatte großen Wert darauf gelegt seinen Mitarbeitern zu vermitteln: Alles bleibt beim Alten, macht euch keine Sorgen.

Und dann das: Der neue Eigentümer verpasste der Organisation vom einen Tag auf den anderen einen neuen Namen. Ohne diese Neuerung mit dem Management abzustimmen. Ohne seinen Plan der Belegschaft zu kommunizieren. Ohne irgendjemanden einzubinden. Besonders delikat: Das Unternehmen hatte gerade erst eine neue Firmen-Website im neuen Corporate Design gestalten lassen, die nun natürlich hinfällig war.

Was also tun als Führungskraft in diesem Unternehmen? Die Führungsmannschaft, die mir gegenüber saß, hatte nicht den leisesten Schimmer, wie sie ihren Leuten den neuen Firmennamen kommunizieren sollte, ohne ihre Glaubwürdigkeit komplett zu verlieren.

Probleme sind nicht sexy

Die erste Frage im Raum verwunderte mich daher kaum: „Sollen wir die Information nicht in kleinen Portionen herausgeben? Das ist leichter zu verdauen …“ Der Klassiker: eine stufenweise Enthüllung schlechter Nachrichten oder unappetitlicher Entwicklungen. Probleme sind ja auch nicht sexy, da ist es doch zumindest erträglicher, sie in Häppchen präsentiert zu bekommen.

Eine Führungskraft nach der anderen fiel in den Gedanken ein. Die Runde plante: Im ersten Monat könnte man verlauten lassen, dass über einen neuen Namen nachgedacht würde. Im zweiten Monat vorsichtig andeuten, dass die Namensänderung kommen könnte. Erst im dritten Monat würde man in der Kommunikation nach außen fest zusagen und ankündigen, dass die Umbenennung bevorstünde. Portionsweise eben. Eine Stufe nach der anderen.

Spätestens an der Stelle bemerkte das Team meine in Falten gelegte Stirn. Nein, ich hielt den Plan nicht für gelungen. Denn jeder einzelnen Führungskraft im Raum sah ich schon jetzt an, dass sie verzweifelt war und mit dieser Methode ihre Führungs-Kraft vollends verlieren würde.

Fake it till you make it

Diese Führungs-Kraft trägt jede Führungskraft in sich. Es geht mir dabei weder um körperliche Stärke noch um ein aufgesetztes Daherstolzieren auf dem Büroflur. Ich glaube vielmehr an eine Führungs-Kraft im Sinne der Ausstrahlung (wobei ich hier nicht Charisma meine). Wenn Menschen selbstbewusst hinter einer Sache stehen, sie überzeugt nach außen vertreten und dabei eine vertrauensvolle Energie ausstrahlen, die andere veranlasst mit ihnen mitzugehen. Diese Kraft strahlen Leader aus und deshalb schließen Menschen sich ihnen gerne in verschiedenen Vorhaben und Projekten an.

Nun stellen Sie sich aber einmal eine Führungskraft vor, die ihren Mitarbeitern schlechte Nachrichten vorenthält. Die Informationen zurückhält und ihren Leuten nicht die Wahrheit sagt. Wie lange, glauben Sie, wird sie noch in ihrer vollen Kraft auftreten können?

Die Zeitspanne ist beeindruckend kurz. Denn wenn Sie als Führungskraft mit der Wahrheit hinter dem Berg halten, folgen Sie dem geflügelten Wort: „Fake it till you make it.“ Geben Sie einfach etwas vor, rät dieses Sprichwort Ihnen, bis Sie damit zum Erfolg gelangen. Nun, ich möchte behaupten, dass Fakes einer Führungskraft ihre Führungs-Kraft nehmen. Sie graben Führungskräften nicht nur ihre Kraft ab, sondern rauben auch den Mitarbeitern jedes Vertrauen in ihr Management.

Fake it and you’ll break it

Denn genau in dem Moment, wo Führungskräfte die volle Unterstützung ihrer Leute bräuchten, wo das Mitziehen der Mitarbeiter in einer schwierigen Situation erfolgsentscheidend wäre, ausgerechnet dann sind die Leader bei einer Fake-Kommunikation NICHT in ihrer vollen Kraft – und die Leute spüren: „Irgendetwas stimmt da nicht …“ Fakes dieser Art bergen zudem die Gefahr, früher oder später ans Tageslicht zu kommen. Dass die Mitarbeiter den weiteren Aussagen ihrer Führungskraft mit begrenztem Vertrauen begegnen werden, können Sie sich denken. „Die haben uns doch auch letztes Mal verschaukelt, warum sollten sie das nicht wieder tun?“

Der Effekt ist übrigens derselbe, wenn Sie stückchenweise mit der Wahrheit herausrücken. Zum einen erschweren Sie sich selbst als Führungskraft damit Ihren Job, denn man kann sich erschreckend schnell daran gewöhnen, den ehrlichen Blick in den potenziellen Abgrund möglichst lange und gemütlich vor sich herzuschieben. Zum anderen säen und düngen Sie mit Teilwahrheiten nur Unsicherheit unter Ihren Mitarbeitern.

„Fake it till you make it“ mag in Hollywood oder sonst wo funktionieren, aber nicht als Führungskraft in einer schwierigen Unternehmensphase. Wer sich hier mit Fakes durchschummeln will, wird auf lange Sicht mehr kaputtmachen als Erfolge einfahren. Dem Management-Team meines Kunden legte ich deshalb nur einen Rat ans Herzen: „Seid ehrlich – und macht das Beste daraus.“

Volle Führungskraft voraus

Zusammen mit dem Führungsteam zog ich daraufhin Bilanz: Ja, die Namensänderung war eine sehr ungeschickte Entwicklung. Ja, die Belegschaft würde höchstwahrscheinlich verunsichert reagieren. Aber: Die Organisation war ansonsten gut aufgestellt und konnte tolle Produkte vorweisen. Warum also nicht offen mit den Mitarbeitern sprechen?

Die Führungskräfte stimmten mir zu: Sie waren nur dann in ihrer vollen Führungs-Kraft, wenn sie glaubhaft nach außen auftreten konnten. Das ging nicht mit Fakes und Halbwahrheiten. Es war spürbar, wie die Stimmung im Raum sich schlagartig veränderte, wie sich eine ganz andere Energie entwickelte. Wir konnten zwar die schlechten Nachrichten nicht aus der Welt räumen, aber zumindest konnte sich jede Führungskraft im Team mit geradem Rücken hinstellen und ihre Leute so mit auf die schwierige Reise nehmen.

Womit beweist eine Führungskraft mehr Führungs-Kraft als damit?


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