„HIP“ IST NICHT GLEICH „ERFOLGREICH“!

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Rainer Petek Innovation, Unternehmen 20. Juli 2017 Leave a reply

Einzelarbeitszonen, Teamzonen, Entspannungszonen – mit diesem top Angebot ist die Arbeit in einem Unternehmen mit Sicherheit erfolgreich. Zumindest wenn es nach den hippen Bürokonzepten à la New Work und Smart Workspaces geht.

Ein gutes Beispiel hierfür habe ich vor Kurzem in München besichtigen dürfen. Die neue Zentrale eines renommierten Unternehmens glänzt in neuem Gewand. Hochmodern, poliert und absolut hip.

Darüber könnte ich mich nun überschwänglich begeistert zeigen – tue ich aber nicht. Denn um erfolgreich zu arbeiten, braucht ein Unternehmen mehr als lediglich ein Gebäude in angesagtem Design.

Design allein ist wertlos

Denn für mich war die Atmosphäre in besagtem Unternehmen alles andere als perfekt, obwohl das Design allen gängigen hippen Mustern entsprach:

  • Eine Trennung von Kommunikations- und Arbeitsbereichen? Check.
  • Ausreichend Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit Homeoffice-Workern durch Online-Arbeitsstrukturen? Ebenfalls gegeben.
  • Die Räume großteils clean-modern gestaltet? Auch das wurde zur vollsten Zufriedenheit umgesetzt.

Nichtsdestotrotz … Mein Eindruck von den Räumlichkeiten war vor allem einer: auf verkrampfte und technokratische Weise locker. Und in solch einem Umfeld als Mitarbeiter erfolgreich agieren? Das fällt sicherlich nur den wenigsten leicht. Deshalb bin ich der Auffassung: Um seine Mitarbeiter erfolgreich handeln zu lassen, braucht ein Unternehmen Lebendigkeit. Sowohl hinsichtlich der Art, wie es geführt wird, als auch darin, wie es die Arbeitsplätze seiner Mitarbeiter gestaltet.

Der Blick der Architektin

Mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da. Gleicher Ansicht ist meine Partnerin Irene Graf, die als Architektin einen geschulten Blick auf Raumkonzepte wirft. Auch sie zeigte sich wenig begeistert, als sie die Innenräume des Unternehmens sah.

Um Ihnen ein Beispiel zu nennen: Auf jeder einzelnen Etage des Gebäudes finden Sie top durchgestylte Teeküchen – eine gute Voraussetzung, um die Mitarbeiter mit einer speziellen Kommunikationszone beim lockeren Austausch zu unterstützen. Doch in der Realität herrscht in keinem der Räume tatsächliches Beisammensein. In unseren Augen auch kein Wunder. Denn die Küchen sind clean, strahlend weiß und vom Gefühl her fast schon steril. Wenig einladend, möchten wir meinen.

Ein weiteres Beispiel für eine gut gemeinte, aber dennoch nicht erfolgreiche Raumgestaltung sieht Irene Graf in der Gestaltung der offenen Kommunikationsbereiche des Gebäudes. Dort, wo eigentlich die Kreativität sprudeln und sich die Gedanken frei entfalten können sollen, stehen Hinweisschilder auf den Tischen: Tauschen Sie Ideen aus und diskutieren Sie! Unglaublich, dass jemand zu meinen scheint, dieser Hinweis sei von Nöten …Wir meinen: Die Architektur und Kultur eines Unternehmens sollten dies ohne Hinweisschilder schaffen!

Hip UND lebendig – geht das überhaupt?

Nach unserem Austausch über die Raumkonzepte des Unternehmens kamen meine Partnerin und ich um eine Frage nicht herum: Kann die optimale Architektur für erfolgreiches Arbeiten nicht beides sein – hip UND lebendig?

Um uns selbst diese Frage beantworten zu können, haben wir einmal hinter die Fassaden geblickt. Wer entscheidet denn überhaupt darüber, wie der Arbeitsplatz in einem Unternehmen gestaltet wird? Selbstverständlich die Führungsetage. Und wenn diese ein bestimmtes – meist am Reißbrett entstandenes – Design präferiert, dann wird das so umgesetzt und die Architektur damit in eine Richtung gedrängt, an der danach nicht mehr gerüttelt werden darf. Design und Lebendigkeit in perfekter Balance – in der Realität eher die Ausnahme.

Doch Irene und ich haben diese Ausnahme gefunden: auf der anderen Seite der Erdkugel bei Airbnb in San Francisco. Für uns ein augenöffnendes Erlebnis. Das weltweit erfolgreiche Unternehmen hat dort, wie auch viele andere im Silicon Valley, einen Ort geschaffen, an dem Kommunikation und Austausch gelebt werden – und das auf eine vollkommen imperfekte Art und Weise …

Raum für das Unfertige

Statt den Perfektionismus perfektionieren zu wollen, haben die Verantwortungsträger dort sich nämlich dazu entschieden, ihre Räume mit Lebendigkeit statt hippen Designs zu füllen. Die Architektur wirkt oftmals fast „unfertig“. So, als ob der Gestaltungsprozess noch nicht abgeschlossen sei. Das hat einen einfachen Hintergrund, wie der Leiter des Airbnb-Architekten-Teams uns bei unserem Besuch erklärte: Die Möglichkeit der Veränderung und Weiterentwicklung soll nie verloren gehen und auch den Mitarbeitern soll implizit die Botschaft gesendet werden: Wir sind noch lange nicht fertig. Denn genau darum geht es schließlich in einem Unternehmen: um das Voranbringen und stetige Weiterentwickeln neuer Ideen.

Für die meisten Manager mag das nun nicht sehr plausibel klingen – Räume mit Lebendigkeit füllen – doch genau das gelingt Airbnb. Diese Lebendigkeit zeigt sich in der Atmosphäre, in den Menschen und eben auch in der Architektur. Irene hat mich zum Beispiel darauf aufmerksam gemacht, dass der gestaltende Architekt bei Airbnb viel mit einfachen Holzwerkstoffen gearbeitet hatte anstatt mit edlem Holz wie z.B. Eiche, das gerne in Firmenzentralen verwendet wird. Dieses einfache Material allein erzeugt ein Gefühl der Unfertigkeit, das den Mitarbeitern symbolisiert: „Du darfst hier etwas umstellen und bewegen, nicht alles ist in Stein gemeißelt.“

Neben der Verwendung von Holz hat die Airbnb-Zentral außerdem Teile der alten Substanz des renovierten Gebäudes sichtbar miteinbezogen. Statt alles auf Teufel komm raus auf clean-modern zu trimmen, erhält die Geschichte in dem Bau einen ganz neuen Stellenwert und vermittelt Ruhe und Bodenständigkeit. In dem Unternehmen in München hingegen habe ich mich kaum getraut, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, um das sterile Bild nicht zu zerstören.

Ganz anders bei Airbnb, wo Irene und ich beide sehr beeindruckt waren vom aussagekräftigen Atrium und uns direkt willkommen fühlten. Die überwiegende Verwendung von Glas als Baumaterial sorgt für einen unverstellten Einblick in die verschiedenen Arbeits- und Besprechungsräume. Jeder hat dadurch die Chance, die Arbeitsweise des Unternehmens kennenzulernen. Mehr Transparenz können wir uns gar nicht vorstellen. Eine tolle räumliche Botschaft an Besucher!

Ein Ja zur Mischung

Grundsätzlich erleben wir, dass sich hinsichtlich der Raumgestaltung zwei extrem ungleiche Herangehensweisen durchgesetzt haben: Bei den einen schaut die Führungsebene durch die Effizienzbrille auf die Architektur und lässt sich von scheinbar erfolgreichen modischen Erscheinungen beeinflussen. Hauptsache hip! Bei den anderen verändert das Management die Raumverhältnisse so lange, bis sie in der Realität zu mehr Erfolg führen. Da darf dann der obligatorische Fußballkicker auch noch ein fünftes Mal verschoben werden, bis er tatsächlich am richtigen Platz steht.

Um unsere offene Frage also zu beantworten, ob Design und Lebendigkeit ein Widerspruch per se sind: Wir sind überzeugt, dass zwischen den beiden kein Widerspruch besteht. Viele Unternehmen kreieren diesen lediglich unabsichtlich, weil sie bei ihren Raum- und Architekturkonzepten diejenigen außen vor lassen, die in diesen Räumen arbeiten und Ideen entwickeln sollen: die Mitarbeiter.

Um also die größtmögliche Kreativität und Innovationskraft Ihrer Mitarbeiter freizulegen, empfehlen wir Ihnen, sie lieber miteinzubeziehen. Dieser partizipative Ansatz hat einen großen Vorteil: Ihre Mitarbeiter wissen am besten, an welcher Stelle Ihr Unternehmen Einzelarbeitszonen braucht, wo eine Teamzone am meisten Sinn ergibt und welche Orte sie für wirklich wohltuende Entspannungszonen halten.

Behalten Sie das doch für die nächste räumliche Umstrukturierung in Ihrem Unternehmen im Hinterkopf. Ihre Mitarbeiter werden es Ihnen danken.


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