„Wir sind doch nicht die verlängerte Werkbank der technischen Führungsriege!“, fasste ein Teilnehmer die erste Erkenntnis des Workshops zusammen.

Ich würde mir sehr wünschen, dass diese Einsicht in vielen Unternehmen reift. Denn oft sind der Vertrieb und die kaufmännischen Abteilungen nur die ausführenden Organe der Produktentwickler.

Strategien nicht nur implementieren

Und genau darum ging es auch beim Workshop am Tegernsee mit den Top-Managern eines führenden Industrieunternehmens. Die Frage war: Wie kann das kaufmännische Führungsteam noch stärker zusammenarbeiten und so neue Geschäftsmodelle mitentwickeln – anstatt von Technikern entwickelte Strategien lediglich zu implementieren? Sie wollten deutlich mehr dazu beitragen, die Zukunft des Unternehmens zu sichern.

Nach meinem Impulsvortrag am Morgen, den ich mit einem Beraterkollegen zusammen hielt, war den Teilnehmern klar, dass es möglich ist. Anhand der Beispiele aus der Bergwelt wurde deutlich, wie viel Menschen zusammen erreichen können und wie groß die Gefahren sind, wenn sie es nicht tun.

Das klang alles zunächst einmal einleuchtend und wünschenswert. Aber aus Wunsch muss dann letztlich auch Wirklichkeit werden.

Mehr Leistung durch Selbstorganisation

Wie es im Business tatsächlich aussehen kann, erlebten die Teilnehmer am nächsten Tag: Die Gruppe hatte bei einer Experiential Learning Sequenz auf Basis einer inszenierten Kundenbestellung Flöße gebaut. Die drei Prototypen sollten zu einer großen Plattform zusammenzufügen, schnell ab- und aufbaubar und strömungsgünstig sein – so lautete der Auftrag. „Das ist ja wohl nicht ganz unsere Domäne – oder kann Powerpoint etwa schwimmen?“, rief einer der Teilnehmer entsetzt.

Trotz der anfänglichen Vorbehalte schwammen nach einer knappen Stunde drei Flöße mit voller Besetzung auf dem Tegernsee. Und alle waren erstaunt und erfreut zugleich, wie viel doch richtige und vor allem selbstorganisierte Teamarbeit leisten kann. Auch wir als Coaches und Impulsgeber hatten ein großen Spaß daran, den Entwicklungsprozess während des Baus und das tolle Endergebnis zu sehen. Jeder packte an, fand schnell seinen Platz im Team und das Beste daran: Die gemeinsame Strategie zu Beginn.

Obwohl die Manager in ihrem richtigen Business nie ein Floß bauen werden, war die Outdoor-Aktivität ein tolles Referenzbeispiel dafür, wie Selbstorganisation funktioniert und wie schnell Eigendynamik entstehen kann. Alle Ränkespiele waren vergessen, anstatt entgegenstehender Einzelziele gab es ausschließlich die Kundenorientierung, jeder brachte seine Stärken ein und Probleme wurden gemeinschaftlich gelöst.

Das Gemeinschaftsziel hat Vorrang

Nun mögen Sie sagen, so einfach ist das in der Realität nicht. Da kann ich Ihnen zustimmen, denn oft fesseln individuelle Zielvereinbarungen die Mitarbeiter, Teams und Bereiche in (gesamt)ziellosen und nebeneinander laufenden Prozessen. Sie stehen damit einer natürlichen Zusammenarbeit im Weg.

Es gibt jedoch eine Alternative, um den Wettbewerb zwischen den Organisationseinheiten zu reduzieren: Selbst wenn Unternehmen die individuellen Zielvereinbarungen nicht ganz abschaffen wollen, mit einem gemeinsamen Zielworkshop am Jahresanfang schaffen sie für alle Mitarbeiter zumindest einmal das gleiche Verständnis für die Strategie und das übergeordnete Ziel.

Meine Erfahrung zeigt, dass dadurch eines gelingt: Es entsteht eine Eigendynamik über das ganze Unternehmen hinweg und alle arbeiten in weiterer Folge für dasselbe Ziel. Die Entwicklung und die Produktion reden plötzlich miteinander, das Produktmanagement stimmt sich mit dem Vertrieb ab und die kaufmännische Riege wird nicht mehr nur das Ausführungsorgan der Techniker sein. Dann lernt Powerpoint bestimmt auch schwimmen.

Wie erleben Sie die übergreifende Zusammenarbeit im Sinne des übergeordneten Gesamtziels in Ihrem Unternehmen?

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