„Liebe Kollegen, machen Sie ruhig auch mal einen Fehler. Jeder macht Fehler – das ist normal. Solange wir daraus lernen und der Fehler kein zweites Mal passiert …“

Was für ein Blabla! Manche Führungskräfte stellen sich vor ihr Team und glauben, mit solchen Parolen könnten sie innovatives Denken fördern. Aber so eine nette Ansprache macht noch keine mutigen Mitarbeiter und genau die brauchen Sie, wenn Sie wirklich innovativ sein wollen.

Vor dem Ernstfall steht der Test

Vielleicht kommt dieses Denken aus der Schule, wo Fehler rot markiert wurden. Die ganze Schulzeit ist auf das Aufdecken und Ausmerzen von Fehlern ausgerichtet. Und viele spätere Unternehmenskulturen scheinen sich genau an diesem Muster zu orientieren. Dabei geht es im Business um einen differenzierteren und vor allem produktiveren Umgang mit Fehlern: Es gibt Bereiche, in denen Fehler unter keinen Umständen passieren sollten, weil diese extrem teuer sind und/oder den Ruf des Unternehmens ramponieren können. Und es gibt Bereiche, wo Unternehmen Fehler in einem frühen Entwicklungsstadium geradezu provozieren sollten, um schneller voranzukommen. Dort geht es nicht darum, keine Fehler zu machen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Fehler zur Weiterentwicklung genutzt werden können.

Ein schönes Sinnbild dafür ist das Sportklettern. Da können sich die Kletterer bei besten Sicherungsbedingungen ausprobieren und auch mal runterfallen – und so ihre Leistungsgrenzen nach oben verschieben. Wenn sie dann an den Berg gehen, wo kein Sturz erlaubt ist und es auf Leistungsreserven ankommt, sind sie bestens vorbereitet. Sie können viel mehr umsetzen, als wenn sie ihr Können vorher nicht ausgetestet hätten. Entsprechend werden heute im ernsten alpinen Bereich durch das spielerische Sportklettertraining viel höhere Schwierigkeitsgrade bewältigt.

Innovation ist eine Frage der Bedingungen

In Ihrem Unternehmen können Sie ebenfalls solche Testumgebungen schaffen. Zum Beispiel, indem Sie Prototypen bauen und diese schon in einem sehr frühen Entwicklungsstadium potentiellen Kunden in die Hand geben. Beobachten Sie Ihre Kunden dabei und bitten Sie auch um Feedback. So erfahren Sie, ob Sie mit Ihrer Entwicklung auf dem richtigen Weg sind.

Auch ein Unternehmen, das ich beim Redesign des Entwicklungsprozesses für neue Produkte beraten hatte, wandte danach dieses Prototypen-Verfahren an. Es bildete ein Team aus experimentierfreudigen Mitarbeitern, die Lust auf einen ungewöhnlichen Ansatz hatten. Sie stellten einen Container auf den Hof und trafen sich wöchentlich zu fixen Zeiten darin, um einen Prototypen zu basteln.

Das war weit schneller und günstiger, als das Produkt am grünen Tisch zu entwickeln und dann irgendwem mit Powerpoint zu präsentieren. So konnten die Entwickler, die Zulieferer und auch potenzielle Kunden das Produkt anfassen und austesten. Fehler, die die Designer mangels Erfahrung nie bedacht hätten, traten zutage und praktische Lösungen wurden viel schneller offensichtlich.

Perfektion ist der Feind der Perfektion

Viele Unternehmen schrecken jedoch bis heute vor der radikalen Arbeit mit Prototypen und der frühen Einbindung von Kunden zurück. Sie glauben: „Bevor wir anfangen, muss der Ansatz perfekt sein.“ Das funktioniert nicht, weil so nur das umgesetzt wird, von dem vermeintlich bekannt ist, dass es funktionieren wird. So entsteht nichts als Langeweile und ganz sicher keine wirkliche Innovation.

Wenn Sie innovativ sein wollen, suchen Sie die experimentierfreudigsten Mitarbeiter Ihres Unternehmens zusammen und erwarten Sie von ihnen im ersten Schritt alles, nur bitte nichts „Perfektes“. Lassen Sie sie stattdessen etwas Verrücktes ausprobieren. Perfekte Lösungen sind nicht die fehlerlosen, sondern solche, die Ihr Unternehmen entscheidend voranbringen.

Wie fördern Sie den Mut zur Innovation in Ihrem Unternehmen?

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