„Wie fühlst du dich?“
„Alles gut!“, schnauft Erich, ein Teilnehmer meiner Bergtour, zurück und stapft weiter. Sein hochroter Kopf spricht eine andere Sprache. Gar nichts ist da gut. Er ist mit dem Gewicht seines Rucksacks, dem Tempo oder dem anspruchsvollen Weg – oder mit allem zusammen – scheinbar überfordert.

Warum bittet er mich als erfahrenen Bergführer nicht um Hilfe?

Hilfe ist was für Schwächlinge

Ganz einfach: Hier wirkt gerade eine klassische Blockade, die jeder von Ihnen kennen dürfte: die Hilfe-Blockade. Ihr ganzes Leben lang werden Menschen darauf konditioniert, alles Mögliche alleine hinzubekommen. Das beginnt beim Schuhebinden und endet beim Durchführen von Großprojekten. Um Hilfe bitten? Nein, das wäre ab einem gewissen Alter ja geradezu peinlich.

Entsprechend macht sich die manifestierte Denkweise später auch im Job bemerkbar: Wer mit einer Aufgabe nicht alleine klarkommt und Hilfe sucht, der bekommt automatisch einen Stempel aufgedrückt: „Schwach“. Und schon ist bestätigt: Wer Unterstützung braucht, traut sich nicht, dies auch zu artikulieren. Lieber wahrt er den starken Schein.

Sollte sich dennoch eine gute Seele im Team berufen fühlen, helfend einzugreifen, sind die Ergebnisse sehr oft alles andere als hilfreich. „War doch nur gut gemeint“, heißt es dann am Ende, wenn der gutherzige Versuch am Problem vorbeigeschossen ist.

Wie sollte es anders sein? Wo ein Unterstützungsbedarf nicht angesprochen wird, ist es nahezu unmöglich, die passende Hilfe anzubieten. Und letztlich wirkt die mentale Hürde dann auf beiden Seiten und Hilfegesuche wie Hilfsangebote versiegen.

Lösungen auf Augenhöhe

Wenn das bei Ihnen auch so ist, können Sie sich viel von Kletterern abschauen. In den Nordwänden wäre ausbleibende gegenseitige Unterstützung fatal. Beim Klettern ist es vollkommen normal, sich zu helfen und sich gegenseitig zu unterstützen, damit alle wohlbehalten von der Tour zurückkehren.

Damit das auch in Ihrem Team funktioniert, müssen sich die Mitglieder auf Augenhöhe begegnen. Durch eine Hilfesituation gerät die Beziehung aus Sicht des Hilfebrauchenden automatisch in Schieflage. Deswegen ist der erste Schritt noch nicht die Unterstützung an sich, sondern erst einmal das Wiederherstellen von Augenhöhe! Beim überanstrengten Teilnehmer meiner Bergtour legte ich zum Beispiel zuerst einmal eine Rast ein. Ich erklärte ausführlich, wohin unsere geplante Route uns führen und welche Herausforderungen noch auf die Gruppe warten würden – und eben auch auf mich als Leader. Wir redeten weiter über die Anforderungen der Tour und über Situationen in der Vergangenheit, wo ich Unterstützung gebraucht hatte. So stellte ich schrittweise ganz klar heraus: Ich bin zwar hier der Bergführer, aber deshalb stehe ich auf keinem merkwürdigen Podest.

Die gefühlte Schieflage zwischen mir als Leiter und dem vergleichsweise bergunerfahrenen Tourmitglied war damit ausgebügelt. Er öffnete sich und gemeinsam planten wir die Route ein wenig um und erleichterten seinen Rucksack um ein paar Kilo Gepäck.

Werden Sie zum Helfer

Im Business entsteht eine ähnliche Schieflage oft automatisch, allein schon durch die Hierarchie im Unternehmen. Ist das gefühlte Hierarchiegefälle zu steil, werden Führungskräfte kein Feedback, keine Informationen und schon gar keinen Hilferuf erhalten.

Aber trotz der Unterschiede im Organigramm können Sie Augenhöhe herstellen. Gehen Sie ebenbürtig in Dialog mit Ihren Mitarbeitern, fragen Sie nach Ihren Schwierigkeiten im Job, greifen Sie Ihnen unter die Arme. Gehen Sie dabei auch von der inneren Haltung her auf Augenhöhe. Fragen Sie sich: Wer bin ich in dem Moment, in dem ich Hilfe anbiete? Jemand, der echt helfen will, oder doch jemand, der die Hilfesituation zur Darstellung seiner Überlegenheit nutzt? Wenn Führungskräfte auf das Spiel verzichten, sich über andere zu stellen, erhalten Sie erfolgskritische Hilferufe früher und ehrlicher. Sie haben die Chance, Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen und können intervenieren.

Führung wird so zur helfenden Dienstleistung. Sie stellen sich in den Dienst einer größeren Sache: das Team, das Produkt, das System zu optimieren. Signalisieren Sie, dass Sie offen für ungeschminktes Feedback sind und Ihr Team Sie schamlos um Hilfe bitten kann.

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