In fast jedem „gut sortierten“ Unternehmen gibt es Prozesshandbücher und Arbeitsanweisungen – umfangreiche Werke, die jegliche Prozessschritte festlegen. Egal, wer im Projekt mitarbeitet, die Qualität muss stimmen. Die vermeintlich sichere Lösung: festbetonierte Prozessschritte, damit ja kein Mitarbeiter vom Weg abkommt.

Unflexibel bei neuen Marktanforderungen

Und was ist mit den Sonderfällen? Überraschungen aus dem Markt? Neuen Trends? Spontanen Wünschen des Kunden? Vom definierten Prozess abzuweichen, ist schwierig, das Handbuch zu ändern, ist zeitaufwendig. Flexibel und schnell auf die neuen Anforderungen zu reagieren, ist mit dem Schema F kaum noch möglich.

Einige Unternehmen versuchen, Veränderungen vorwegzunehmen, sie zu planen. Aber ich kann Ihnen versichern: Genauso wenig wie Sie unvorhergesehene Entwicklungen beim Bergsteigen planen können, können Sie voraussehen, dass der Kunde, der heute noch von roten Maschinen ganz begeistert ist, morgen auf einmal grüne haben möchte.

Da hilft es auch nicht, eine Arbeitsanweisung zu schreiben. Im Gegenteil: Das treibt Ihre Mitarbeiter in den Wahnsinn, wenn sie keinen Freiraum für ihre Lösungen haben. Viel schlimmer noch: Ihre Mitarbeiter und Ihr Unternehmen werden total dogmatisch.

Dynamische Prozesse brauchen Könner

Sicher gibt es auch Prozesse am Fließband, in der Logistik oder in der Fertigung zum Beispiel, bei denen die routinierte Ausführung und reines Wissen ausreichen. Sie können Regeln für das WIE vorgeben.

Doch in komplexen Prozessen kommen Sie damit nie zu innovativen und echten Lösungen für Ihre Kunden. Für die zündende Idee sind vielmehr Kreativität, Querdenken und Urteilsfähigkeit gefragt. Ich bin mir sicher, je mehr Neuland Sie betreten und je mehr gedankliche Leistung Ihre Projekte benötigen, desto unbeschreibbarer werden die Prozesse. Kurz: je herausfordernder ein Prozess, desto weniger Seiten Regelwerk zu seiner Beschreibung. Aus dem Kontroll- und Sicherheitsbestreben von Unternehmen heraus werden trotzdem ausschweifende Regularien erstellt.

Prozesse überprüfen und den Rotstift ansetzen

Überprüfen Sie doch mal, ob auch Ihre Prozessbeschreibungen zu sehr aufgebläht sind. So können Sie auch feststellen, ob Sie im Falle einer kurzfristigen Veränderung handlungsfähig sind.

Wie das geht? Überlegen Sie Folgendes:

– Welche Schritte sind wirklich beschreibbar? Bedeutet: Sie kommen immer wieder vor. Sie kommen immer an der gleichen Stelle vor. Sie können von jedem bearbeitet werden, der über das passende Fähigkeitsprofil verfügt. Sie wären vielleicht sogar automatisierbar.
– Bei welchen Schritten sollte besser ein echter Könner die Entscheidungsmacht haben, wie er damit verfährt?

Wenn Sie Antworten auf den zweiten Punkt finden, dann wissen Sie: Ihr Prozess ist aufgebläht und sollte schlanker werden. In diesen dynamischen Prozessschritten sollten Sie nicht das WIE, sondern das WER in den Fokus rücken. Denn der Mensch mit seinen Fähigkeiten entscheidet dabei über Erfolg oder Misserfolg.

Wo wachsen eigentlich Könner?

Wenn Sie in Ihrem Unternehmen mal genauer hinschauen, werden Sie sie entdecken: die echten Könner müssen Sie gar nicht heranwachsen lassen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie schon in Ihrem Unternehmen arbeiten, allerdings noch mit angezogener Handbremse fahren.

Finden Sie heraus, welche Talente Ihrer Mitarbeiter Sie bisher übersehen oder nicht erkannt haben, welche speziellen Interessen sie haben und in welchen Bereichen sie Erfahrung mitbringen – auch die, die sie vielleicht für ihren aktuellen Job nicht benötigen. Denn nur wer die Fähigkeit besitzt, das vorliegende Problem wirklich zu verstehen, wird in der Lage sein, die richtigen Lösungen zu suchen. Er wird sich reinhängen, die Sache anpacken und mit Herzblut neue Ideen entwickeln. Und viel mehr noch: Der Mitarbeiter, der wirklich begreift, worauf es ankommt und sich in der Sache auskennt, wird auch einen besseren Draht zu den Kunden haben – weil sie sich eben verstehen.

Ob Beratung, Verkauf oder in der Konstruktion – um von dem Einfallsreichtum und der Leidenschaft Ihrer Könner zu profitieren, sollten Sie diesen keine Arbeitsanweisungen vorlegen, sondern ihnen den Freiraum geben, selbst zu entscheiden, WIE sie etwas umsetzen. Dann sind Sie auch für die immer stärker werdende Dynamik im Business gewappnet.

Wie Sie die Könner in Ihrem Unternehmen ausfindig machen und Sie sogar ein „Könnerklima“ schaffen, lesen Sie in meinem neuen Buch: „In der Nordwand: Wie Sie das Ungewisse managen“.

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