Als Bergführer hatte ich immer wieder mit Klienten zu tun, die nicht so ganz ins sportliche Kletterklischee passen. Eine Geschichte aus meiner Anfangszeit ist mir in besonderer Erinnerung: Ein Manager, 120 Kilo schwer, Bandscheibenvorfall, keine Erfahrung am Berg, wollte mit seiner kletterbegeisterten Tochter in die Felswand.

Nun gut, wir legten los. Schrittweise baute ich ihn auf und mit der Zeit erreichte der Manager ein Level, das er sich selbst nie zugetraut hätte. Als Krönung schlug ich deshalb eine richtig schwere Tour vor. Etwas, worauf er richtig stolz sein könnte.

Doch als wir den Einstieg in diese ausgesetzte Felswand erreichten, kamen mir dann selbst Zweifel: Überforderte ich ihn mit der Tour nicht?

Zutrauen oder Zweifel

„Traust du dir das zu?“, rutschte es mir schließlich heraus. Ein grober Fehler: Ich hatte begonnen, zu zweifeln, und den Manager meine Zweifel spüren lassen. Danach hat er nur noch gebibbert und gezittert. Die Tour haben wir zwar gefahrlos geschafft, aber genießen konnte er sie nicht. Dabei war er in der Vorbereitung im Klettergarten so gut gewesen. Mir hat diese Erfahrung klargemacht, was für ein mächtiges Werkzeug ich da mit meinem bloßen Zutrauen in der Hand habe.

Die konkrete Bergerfahrung hat mir schon öfter gezeigt: Wenn zwei Kletterer unter den exakt gleichen Bedingungen und mit den exakt gleichen Fähigkeiten an einer schwierigen Stelle stehen – dann hat derjenige die besseren Karten, es hinauf zu schaffen, der daran glaubt, alle nötigen Fähigkeiten zur Bewältigung zu haben. Und nicht der Zweifler.

Und das Gleiche können Sie in Ihrem eigenen Team beobachten: Teams, die konstant denken „Oh Gott, das schaffen wir niemals, aus dem Projekt wird nichts“, bei denen klappt es tatsächlich nicht. Ihnen fehlt der Bewältigungsglaube.

Fähigkeiten und Potenziale erkennen

Verstehen Sie mich bitte richtig: Mir geht es hier nicht um irgendeine Tschakka-Philosophie, bei der Sie alles schaffen, wenn Sie nur an sich selbst oder andere glauben. Nein, was ich mir wünsche, ist, dass Führungskräfte und ihre Teammitglieder ein realistisches Bild von den eigenen Fähigkeiten und Potenzialen haben. Denn wenn sie diese kennen, können sie sie gezielt ausbauen und stärken.

Für Führungskräfte bedeutet das, immer wieder hinzuschauen – und zwar nicht wie üblich auf die Defizite und die Unzulänglichkeiten, sondern auf die Erfolge, die Stärken, die Highlights: Wozu sind meine Leute fähig? Was können sie bewältigen? Dabei hilft es manchmal auch, einen Blick außerhalb des Unternehmens zu werfen.

Mit den Führungskräften eines internationalen Konzerns ging ich beispielsweise vor Kurzem im Rahmen eines Führungsteam-Workshops klettern. Unter ihnen war vor allem eine Frau, der der Chef nicht sonderlich viel zutraute. Kaum in der Wand kletterte ausgerechnet sie aber allen anderen um die Ohren! Ihre Kollegen sahen sie auf einmal in einem ganz anderen Licht. Sie fragten sich: Unterschätzen wir unsere Kollegin vielleicht auch im Job?

Erfolge feiern

Um dieses Zutrauen und einen echten Bewältigungsglauben im Team zu erreichen, ist es unerlässlich, sich immer wieder intensiv über Erfolge auszutauschen. Was hat Ihr Team schon alles geschafft und gemeistert? Und wenn Sie das schon zusammen hinbekommen haben, warum sollten Sie dann nicht auch die neue Aufgabe schaffen?

Weil im Alltag aber doch oft nur über Probleme und Schwierigkeiten gesprochen wird, frage ich in Workshops oft ganz gezielt „Success Stories“ ab. Die Teilnehmer erzählen von Situationen, die scheinbar unüberwindbar schienen und die sie im Team eben doch geschafft haben. Der Effekt folgt auf den Schritt: Die Gesichter leuchten, die Stimmung hebt sich und beim Reflektieren vergangener Erfolge wird der Glaube an die eigenen Fähigkeiten geradezu greifbar.

Vergessen Sie deshalb nicht, Ihre Erfolge gebührend zu feiern, sie zu kommunizieren und darüber zu berichten. Das stärkt den Bewältigungsglauben in Ihrem Team ungemein – und die nächste große Hürde nehmen Sie tausendmal leichter.

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