Das Schuldigenspiel in Unternehmen: Einer schiebt dem anderen den Schwarzen Peter zu.

Das Marketing ist schuld, die Flyer waren noch nicht fertig. Die Produktion hängt hinterher, deswegen kann der Vertrieb nicht richtig performen. Die Software war noch nicht fertig – die Präsentation beim Kunden war eine Katastrophe.

Die Frage ist immer: Wer ist schuld, wenn irgendetwas nicht funktioniert? Ist ja auch bequem, die Schuld bei anderen zu suchen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass diese Denkweise, die Verantwortung als Schuld interpretiert anstatt als Aufforderung zur Lösung eines Problems, tief in der DNA unserer Gesellschaft verwurzelt ist.

Keiner will schuld sein

Auf der einen Seite ist es leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen und andersherum will verständlicherweise keiner schuld sein. Das beliebte Muster der Schuldigensuche erzeugt in Unternehmen eine Kultur des Wegduckens. Lieber erst einmal wegschauen und den Missstand nicht melden. Besser nicht zum Chef rennen und den Fehler aufdecken, sonst fällt das vielleicht noch auf einen selbst zurück. Schließlich will niemand mit Fehlern assoziiert werden – das sind zumindest meine Erfahrungen.

Oft werde ich von Unternehmen in Krisensituationen bei Großprojekten beauftragt. Das Projekt ist meist schon völlig aus dem Ruder gelaufen und nun beginnt die Suche nach dem Schuldigen. Doch ich mache den Unternehmen schnell klar: Das bringt überhaupt gar nichts.

Warum? Weil es schon viel zu spät ist. Es kann doch nicht darum gehen, die Auswirkungen zu beheben, sondern frühzeitig – noch im Entstehen – Fehler aufzudecken. Denn dann gäbe es immer noch Möglichkeiten, gegenzusteuern und vor allem Kosten zu sparen.
Fehler sind meist höchst erfolgreiche Koproduktionen

Damit ein Fehler nicht in einer Katastrophe endet, brauchen Sie in Ihrem Unternehmen einen produktiven Umgang mit Fehlern. Doch einfach nur Fehler als Chance zum Lernen zu etikettieren, reicht nicht aus. Viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass Fehler meist nicht einem einzelnen Mitarbeiter zugerechnet werden können, sondern fast immer der Interaktion mehrerer. Das menschliche Zusammenwirken und die Kommunikation sind fehlerbehaftet – also das System.

Wenn beispielsweise die Produktion den Vertrieb nicht über einen Verzug informiert und die Informationen falsch an den Kunden rausgehen, ist es nicht nur die Schuld der Produktion und auch nicht nur des Vertriebs. Es ist ein Zusammenspiel aus vielen Faktoren und vor allem ein komplexer Prozess mit vielen Beteiligten – der Fehler ist sozusagen eine Koproduktion.

Dieses Verständnis dafür, dass immer Interaktionen der Auslöser für Fehler sind, bringt sie von der Frage „Wer hat was gemacht?“ zur Frage „Warum waren wir und das System so erfolgreich in der Produktion dieses Fehlers?“. So schalten Sie in den wirklichen Reflexionsmodus und können gemeinsam lernen, was Sie künftig besser machen können.

Der Strudel der Schimpftiraden

Und wenn Ihre Mitarbeiter so sehr auf andere schauen und jammern, geraten sie oft in diesen Strudel: Durch das Schimpfen und Jammern baut sich eine schlechte Stimmung auf, der Drive geht völlig verloren.

Das habe ich in einem Workshop erlebt: Eine Vertriebseinheit hatte fundamentale organisatorische Veränderungen im ganzen Konzern angestoßen. Nach einem halben Jahr kam der Prozess jedoch ins Stocken. Das Vertriebsteam wollte sich viel schneller drehen als der Konzern – das ging aber nicht. Frust machte sich breit, über andere zu schimpfen und zu jammern, gehörte zur Tagesordnung. Das muss auch manchmal sein – keine Frage. Aber wer sich zu sehr mit den Unzulänglichkeiten anderer beschäftigt, verliert auch schnell den Blick auf die eigenen Einflussmöglichkeiten. Nach einem halben Workshoptag platzte einem der Teilnehmer der Kragen und er appellierte an den Rest der Gruppe: „Jetzt ist Schluss mit dem Gejammer! Schauen wir doch besser darauf, was wir in der aktuellen Situation ändern können.“ Plötzlich war die Energie dieser erfrischenden und kreativen Mannschaft zurück und sie konnte sich wieder auf die Lösungen konzentrieren.

Was ich damit sagen will: Fehler passieren und sie ermöglichen Ihrem Mitarbeiter, Team und Unternehmen zu lernen. Aber nur, wenn Sie die Schuldigensuche aufgeben. Erst wenn Sie es – rational und emotional – schaffen, Fehler den komplexen Prozessen der Zusammenarbeit zuzuordnen, und ein Klima schaffen, in dem sich Ihre Mitarbeiter und Kollegen nicht ducken, sondern ganz selbstbewusst und verantwortungsvoll an der Fehlerprävention oder -behebung arbeiten, dann werden Sie es künftig besser machen.

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