Diese Erfahrung machen Führungskräfte in vielen Unternehmen immer wieder: Sie sagen Ihrem Team seit Wochen, was zu tun ist – und haben doch den Eindruck, keinen Schritt voranzukommen.

Folgen Sie mir bitte gedanklich kurz in die Berge: Wenn ein Bergführer seinen Kunden bei jeder Tour vom Anfang bis zum Ende vorgibt, wo sie ihren Fuß als Nächstes hinsetzen sollen, welche Schritte sie in welcher Reihenfolge tun und wie sie am besten die Vorsprünge mit den Händen greifen sollen, wird er früher oder später verzweifeln. Seine Kunden werden sich als Bergsteiger keinen Schritt weiterentwickeln. An schwierigere Touren ist so gar nicht zu denken!

Es ist schlicht und einfach die falsche Führungsart.

Führung am kurzen Seil

Der Fehler ist ein klassischer, den ich bis heute regelmäßig in Unternehmen beobachte – und zwar nicht nur bei jungen und unerfahrenen Managern, sondern gleichermaßen bei den alten Hasen.

Was auf den ersten Blick nach einer durchaus praktikablen Vorgehensweise aussieht, hat einen massiven Nachteil. Durch ständige Anleitung haben Menschen gar keine Chance, sich auszuprobieren. Keine Gelegenheit, selbst herauszufinden, welchen Schritt sie als Nächstes gehen und wo sie im übertragenen Sinne wieder Halt finden können. Und somit keinen Raum, um zu wachsen und selbst zum Könner zu werden.

Dieser Arbeitsstil gleicht nichts anderem als „Malen nach Zahlen“. Am Ende kommt zwar ein schönes Bild dabei heraus, aber wahre Künstler sind Ihre Leute deswegen noch lange nicht. Was Sie brauchen, ist eine andere Art der Führung.

Mit dem langen Seil zum Erfolg

Die setzte ich seinerzeit als Bergführer bei meinen anspruchsvollen Führungstouren ein. Ich wählte absichtlich schwierige, mit steigendem Können der Kunden sogar extreme Routen und – vor allem – das lange Seil. Bei dieser Form des Kletterns befindet sich der Kunde in mehreren Metern Entfernung zu mir – je nach Können verschwinde ich sogar manchmal ganz aus seiner Sichtweite.

Alle, die in ihrem Leben noch keine Bergtour gemacht haben, kann ich jetzt direkt empört aufschreien hören: „Ist das nicht gefährlich?!“ Keine Angst, waghalsig bin ich nicht. Tatsächlich sind die Ergebnisse jedoch besser und die Kunden lernen viel schneller dazu. Sie werden mit Erfolg zu Könnern.

Und das kann auch Ihr Team schaffen – wenn Sie ihm ein gewisses Können zutrauen beziehungsweise ihm die Möglichkeit geben, es zu entwickeln. Das funktioniert nicht mit Abteilungsdenken, detaillierten Prozesshandbüchern und akribischen Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Sie benötigen das lange Seil: gedankliche Bewegungsfreiräume, flexible Abläufe, selbstverantwortliches Handeln.

Dem Gipfel einen Schritt voraus

Und keine Angst, Sie müssen Ihre eigentliche „Führungs-Kraft“ nicht einfach so abgeben. Dieser Schritt erfordert tatsächlich eine gehörige Portion Mut. Den Mut, loszulassen und Ihre Mannschaft so aufzubauen und zu motivieren, dass diese von alleine losläuft und vorangeht. Das Führungsseil bleibt dabei trotzdem stets in Ihrer Hand. Es ist nur viel länger: Sie geben Ihren Mitarbeitern das Selbstvertrauen, auf ihre Weise den Weg zum gemeinsamen Ziel zu finden. Dann können Sie sich eines Tages entspannt zurücklehnen und sagen: „Ich bin hier nur der Chef“, denn Ihr Team arbeitet, ohne dass Sie ihm beständig auf die Finger gucken müssen.

Oder besser gesagt: Dann werden Sie sich auf die Aufgaben konzentrieren können, die Sie erst zu einer wirklichen Führungskraft machen. Und das ist nun mal nicht die tägliche Überwachung Ihrer Mitarbeiter. Das ist weder Anleitung noch Kontrolle. Nein, Sie werden vielmehr als Systemgestalter gebraucht. Sie setzen den Rahmen, in dem Ihre Mitarbeiter zu wahren Könnern werden. Und zwar gemeinsam. Sie haben das ganze Gebirge im Blick und denken schon strategisch über neue lohnende Vorhaben nach, während sich Ihre Mitarbeiter noch auf den letzten Metern zum Gipfel befinden. Sie sorgen dafür dass Ihr Unternehmen und jeder einzelne Ihrer Mitarbeiter wächst.
Und das macht echte Führungs-Kraft aus.

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