Chance erkennen – Plan entwerfen – Plan verfolgen – Ziel erreichen.

Diesem Muster folgt unbewusst das tagtägliche Denken und Handeln im Job und privat. Denn die allgemeine Vorstellung, dass wir Menschen ohne Plan und Ziel nicht erfolgreich sind, hat sich hartnäckig und mit Bestand in unseren Köpfen verankert.

Genauso verankert ist die Vorstellung, dass eine Chance etwas Objektives ist, etwas, das unabhängig von uns irgendwo da draußen in der Umwelt auf den Ersten wartet, der es als Chance erkennt. Deshalb warten wir auch permanent auf Chancen, die sich auftun, und meinen dann einen Plan entwerfen zu müssen, den es zu verfolgen gilt, um die erkannten Chancen auch erfolgreich zu nutzen.

Das wird wunderbar deutlich in Unternehmensabläufen, im Management, in der persönlichen Entwicklung. Nicht nur Führungskräfte, sondern auch Privatpersonen versuchen mit allen Mitteln, Chancen zu erkennen und sie dann nach beschriebenem Muster zu ergreifen. Ich meine: Erfolgreich werden Sie damit weder im Privaten noch im Beruflichen.

Verkopfte Wirklichkeit

Dabei ist diese Denkweise kein Phänomen der Neuzeit. Sie findet sich bereits in der griechischen Philosophie wieder. Tauchen Sie mit mir kurz in die Geschichte ein: Schon der Philosoph Platon war zu seiner Zeit der Auffassung, dass der Mensch, um wirksam zu sein, eine Idealform (eidos) entwerfen, dieser ein Ziel (telos) setzen und sich dieses dann als regulative Idee vor Augen führen müsse, um sich anschließend mit Willenskraft an die Umsetzung zu begeben.

Auch wenn sich diese Idealform nicht umsetzen ließe, habe sie doch ihren Wert, weil sie uns als regulative Idee zum Handeln führt und dieses leitet. Aristoteles hat diesen Ansatz weitergedacht und dann – weil sich offensichtlich die Praxis niemals auf das Niveau der Theorie erheben konnte – die Idee einer vermittelnden Klugheit eingeführt, die er phronesis nannte. Diese sollte zwischen Ideal und Umsetzung, wenn schon die völlige Verbindung unmöglich war, zumindest den Abstand verringern. Plan- und Ziellosigkeit aber waren auf jeden Fall schon damals negativ konnotiert.

Diese Überzeugung zieht sich bis in die heutige Zeit. Und in logischer Konsequenz eines allgegenwärtigen Steigerungsimperativs in der Wirtschaft, aber auch im Privatleben, werden Pläne und Ziele in den Köpfen der Menschen zu eigenen Wirklichkeiten. Wir verkopfen uns immer weiter, kapseln uns ein in stures Plan- und Zieldenken, verlieren dabei aber die Fähigkeit zu bemerken, was um uns herum passiert. Welche neuen Situationen und damit Chancen sich auftun könnten.

Tragende Faktoren

Manchmal macht es Sinn, in einen anderen Kulturkreis zu blicken, um das eigene Denken zu relativieren. Der französische Philosoph Francois Jullien, den ich sehr schätze, schlägt zum Beispiel einen gedanklichen „Umweg über China“ vor. Denn hier ist eine ganz andere Denkweise verankert. Pläne und Ziele haben eine untergeordnete Funktion, vielmehr steht die Ist-Situation im Mittelpunkt, die zunächst aufmerksam betrachtet und später dann bewertet wird, ohne direkt ins Planen überzugehen. Welche Kräfte sind im Spiel und wie können die Beteiligten sich diese zunutze machen?

Anstatt Chancen sofort in Pläne umzuwandeln, geht es hier vielmehr darum zu erkennen, welches Potenzial eine Situation hat und ihre tragenden Faktoren aufzuspüren – um sich dann tatsächlich auch von ihnen tragen zu lassen.

Mir kommen dabei als ehemaligem Profibergführer fast zwangsläufig die beiden grundsätzlichen Möglichkeiten in den Kopf, wie man mit den Skiern die erste Spur in eine unberührten Tiefschneehang ziehen kann: Die erste Möglichkeit besteht darin, sich irgendwo unten am Ende des Hanges ein Ziel zu setzen und sich dann die Linie bis dorthin zu überlegen. Danach starten die Anhänger dieser Vorstellung los in der Überzeugung, dass sie alleine es wären, die nun aktiv nach unten fahren und die gedachte Linie wie einen Plan „umsetzen“. Aus dieser Vorstellung wird meist ein verkrampftes Durchpflügen des Hanges, welches weder elegant aussieht, noch besonders kräfteschonend ist – und schon gar keine schönen Spuren hinterlässt.

Die zweite Möglichkeit, die Könner wählen, besteht darin sich zu vergegenwärtigen, dass man gar nicht selbst fährt, sondern dass hier eine Kraft wirkt, die einen von alleine nach unten tragen wird. Ich beurteile dabei als Könner den Hang und dessen Ende, mache mir ein Bild der Situation. Und wenn ich starte, weiß ich, dass ich gar nicht aktiv fahre, sondern nur den Widerstand aufgebe.

Von wegen Anstrengung!

Einmal losgefahren, versuche ich so nicht kopfig und krampfhaft eine bestimmte Linie zu verfolgen, sondern lasse mich vom Tiefschnee tragen, erspüre die Beschaffenheit der Schneekristalle und surfe auf ihnen. Die tragenden Faktoren der Schneedecke, die durch die Hangneigung wirksame Schwerkraft und meine sparsam-spielerischen Schwungbewegungen sorgen dafür, dass das Ende des Hanges wie von selbst auf höchst genussvolle Weise auf mich zukommt. Von wegen selbst fahren und sich anstrengen!

Ebenso verhält es sich mit dem Unterschied zwischen dem dargestellten traditionellen westlichen und dem chinesischen Denken: Ich plädiere gerade ich ungewissen und mehrdeutigen Situationen für eine Kombination der beiden Denkweisen: Es spricht nichts gegen strategische Absichten und Zielvorstellungen, solange daraus nicht vorschnell ein Plan wird, der Sie gegen neue Erkenntnisse und Veränderungen immunisiert. Es braucht aber gleichzeitig offene Augen für Chancen und eine gewisse Plan- und Zielfreiheit, die Sie sich gewähren dürfen und müssen, um Situationen und deren Potenziale wahrzunehmen. Genau mit dieser Herangehensweise gelingt es Ihnen, ganz neue und einzigartige Chancen nicht nur zu erkennen, sondern sie sogar selbst zu erzeugen.

Auf neuem Boden

Chancen erzeugen – was zunächst komisch klingt, durften meine Partnerin, die Architektin Irene Graf, und ich hautnah erfahren, als wir zum ersten Mal ins Silicon Valley reisten. Ohne festen Plan, großteils ohne vorab vereinbarte Termine, einfach nur mit dem Gespür: Da könnte etwas Spannendes und Aufregendes auf uns warten. So haben wir uns in dieses Abenteuer gestürzt. Ich kann verstehen, wenn einige von Ihnen jetzt sagen: Da lohnt sich doch die Reise nicht, das ist doch komplett verschwendete Zeit. Auch wir waren anfangs etwas skeptisch, haben die Reise aber trotzdem angetreten. Und es hat sich gelohnt!

Die vielen neuen Eindrücke aus Kalifornien haben uns inspiriert, gemeinsam ein ganz neues Geschäftsfeld zu erschließen. Jetzt, nur ein Jahr später, sind Irene und ich dabei, auch deutschen und österreichischen Unternehmen innovative Raumkonzepte nahezubringen. Dass wir mit diesem Thema überhaupt in Berührung kamen – diese Chance haben wir uns selbst erzeugt, indem wir proaktiv Einblicke in Unternehmen wie Airbnb, Facebook und Ekso Bionics suchten und plötzlich bemerkten: Die leben hier ein ganz anderes Verständnis von Firmenarchitektur. Und indem wir bei jeder Gelegenheit den Austausch mit Menschen suchten, die uns neue Perspektiven eröffnen konnten. Als uns beispielsweise in einem Restaurant in Palo Alto plötzlich jemand mit breitestem österreichischen Akzent „Mahlzeit“ wünschte – da zögerten wir selbstverständlich keine Sekunde, den Herrn auf einen Drink einzuladen, der jetzt, ein Jahr später, in eine Zusammenarbeit mit dem erfolgreichen Start-up-Unternehmer mündete.

Logisch ist nicht gleich erfolgreich

Diese Chance für Irene und mich, eine neue Unternehmensidee zu entwickeln, hätte zu keiner Zeit einem logischen, analytischen und strategischen Plan folgen können. Die Chance entstand allein aus der Situation heraus, auf die wir uns durch unsere Reise eingelassen haben. In die wir uns mit vollem Einsatz hineingeworfen haben.

Natürlich können Sie trotzdem eine Strategie oder einen Plan verfolgen, gar keine Frage. Um tatsächlich Chancen für sich erzeugen zu können, gilt jedoch: Sie müssen stets in der Lage sein, sich von Ihrem Plan nicht zu stark lenken und Ihr Denken und Handeln dadurch nicht einschränken zu lassen. Sie müssen es schaffen, Ihre Absichten in der Schwebe zu halten. Denn wichtig ist, dass Sie trotz Ihres Plans nach links und rechts schauen, welche Möglichkeiten Sie auftun können.

Stürzen Sie sich deshalb nicht gleich auf alles Neue mit dem Wunsch, es bis ins Detail durchzuplanen. Erstellen Sie nicht sofort einen Businessplan, irgendwelche Rechnungen oder definieren Sie nicht gleich zu Beginn ganz bestimmte Zielvorstellungen. Sondern bleiben Sie neugierig, lassen Sie Ihre Idee und die daraus erzeugte Chance gedeihen. Und behalten Sie währenddessen andere Entwicklungen im Auge.

Mit Neugierde Neues schaffen

Das erfordert natürlich, dass Sie pfiffig und wach genug sind, um Potenziale auf dem Markt, in der Wirtschaft und in Ihrem Umfeld zu schaffen und Ideen daraus zu entwickeln. Sobald Sie jedoch diese eine Idee haben, bei der Sie spüren, dass daraus etwas entstehen kann, die Funken sprüht – gehen Sie ihr nach. Lassen Sie sie reifen. Spielen Sie gedanklich mit dieser Idee und entwickeln Sie sie weiter. Welche Chancen können Sie damit für sich und Ihre Zukunft erzeugen?

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