Je mehr Sie auf etwas konzentriert sind, je mehr Sie etwas wollen, umso schwieriger wird es bei manchen Dingen, das zu erreichen. Sie kennen dieses Phänomen doch sicher aus dem Alltag: Jeder von uns lag nachts schon stundenlang wach und konnte einfach nicht schlafen. Die Gedanken kreisen dann um: „Ich muss jetzt endlich schlafen. Ich werde morgen todmüde sein. Nur noch vier Stunden, bis ich aufstehen muss. Wie soll ich so den Tag morgen überstehen?“ Sie sind in dem Moment so sehr aufs Einschlafen konzentriert, dass vor lauter Konzentration gar nichts mehr geht. Sie setzen sich selbst massiv unter Druck – und haben am Ende der Nacht immer noch kein Auge zugetan.

Ähnlich läuft es manchmal auch im Job. Beim Kreativ-Meeting starren Ihre Mitarbeiter gebannt auf den Boden, die Stirn in Falten gelegt, krampfhaft konzentriert auf der Suche nach einer Lösung. Denn auf der Agenda steht: kreative Ideenentwicklung. Also muss eine zündende Idee her. Sie als Führungskraft spüren auch schon das Unbehagen im Nacken, denn schließlich hat Ihr Vorgesetzter Ihnen aufgetragen, heute eine Lösung zu finden. So sitzen also alle höchst konzentriert da, denken angestrengt nach – und nichts kommt!

Ein Schritt zurück, zwei Schritte vor

Warum setzen wir uns bei der Ideenfindung so unter Druck? Warum lassen wir Ideen nicht etwas Zeit, bis sie gereift sind? Weil wir vielfach noch der Auffassung sind, man könne geniale Geistesblitze produzieren und weil wir noch nicht verstanden haben, dass wahrhaft kreative Einfälle keine Produkte sind, sondern eben Nebenprodukte!

In Unternehmen beobachte ich jedoch immer noch die vorherrschende Meinung, dass Ideen produziert werden können. Ständig werden vor allem die Führungskräfte über irgendwelche Kommunikationsmittel daran erinnert, dass Sie abliefern müssen. Seien es die laufend aufpoppenden Erinnerungen per Mail oder die Einladungen zum x-ten Meeting der Woche im Kalender. Wer kann denn bitte bei so einem Ergebnis- und Erwartungsdruck noch Inspiration und gute Ideen finden? Ununterbrochen sind Sie im „Ich-arbeite-daran“-Modus.

Was sollen Ihre Mitarbeiter denn auch denken, wenn Sie als Führungskraft erst mal einen Kaffee trinken gehen, um den Kopf wieder frei zu bekommen? Etwa: „Der will den Kopf frei bekommen, während in meinem Kopf alle Gedanken nur um die fehlende Idee kreisen?!“

Nun, meiner Meinung nach sollten Sie sich Ihren Kaffee dennoch gönnen. Er schafft Abstand, um dann wieder konzentriert zu arbeiten. Üblicherweise zermartern wir uns nämlich das Hirn über ein Problem – das ist auch gut so – aber viel zu oft verpassen wir dann den Moment, um das Thema beiseitezulegen und erst später, nach einem geistigen Time-out, wieder draufzuschauen.

Auf die Erholung konzentriert

Lassen Sie mich diese Situation an einem Beispiel aus meiner Erfahrung als Trainer für Extremkletterrouten verdeutlichen. Oft holen sich Manager bei mir Impulse aus dem Spitzensport. Komischerweise sind sie meist nur auf die anstrengenden Impulse konzentriert: Wie viele Stunden Training, wie viele Einheiten, wie viele Klimmzüge, wie viele Laufkilometer. Kaum jemand fragt mich nach dem Prinzip der Superkompensation.

Die läuft beim Sportler so ab: Er lastet sich für ein paar Stunden bis zum Anschlag aus. Darauf reagiert der Körper mit einer überschießenden Reaktion, damit ihm diese Überbelastung beim nächsten Mal nicht wieder passiert. So wächst seine Leistungsfähigkeit, aber – und das ist der zentrale Punkt – erst nach 24 bis 72 Stunden. In dieser Zeit muss sich der Sportler auf seine Erholung konzentrieren, um stärker zu werden. Abschalten ist also ein zentraler Bestandteil, wenn Sie besser werden wollen. Genau dieser wichtige Aspekt wird von vielen Führungskräften aber weggekürzt.

Sie dürfen Dingen ihren Lauf lassen

Wie wichtig es ist loszulassen, wurde mir vor Kurzem in meinem Korsika-Urlaub wieder so richtig bewusst. Gerade in den letzten paar Jahren war ich auch im Urlaub auf den Beruf – den ich wirklich liebe – konzentriert und habe versucht, ihn immer mit etwas Geschäftlichem zu verbinden. Im Silicon Valley habe ich mir beispielsweise immer neue Firmen und Raumkonzepte angeschaut oder Videos gedreht. Auf Korsika hatte ich dieses Jahr nicht mal die Kamera dabei. Ich wollte einfach nur gedanklich frei sein, mich erholen und Zeit mit meiner Familie genießen. Und genau in dieser Zeit des Nichts-Denkens kamen mir unglaublich tolle Ideen für Lösungen in Projekten, für welche ich schon lange vergeblich angestrengt Ideen gesucht hatte.

Mir wurde wieder bewusst, wie sinnlos es ist, Dinge zu wollen, die schlicht und ergreifend nicht willentlich herbeigeführt werden können. Ideen gehören dazu. Sie können nicht planmäßig produziert werden. So wie sie entziehen sich noch viele weitere Dinge unserer Verfügbarkeit: die Stimmung auf einer Party zum Beispiel. Sie können eine tolle Band organisieren, für leckeres Essen und guten Wein sorgen, aber wie die Stimmung letztendlich wird, haben Sie nicht in der Hand. Auch den Teamspirit in Ihrem Unternehmen können Sie nicht beeinflussen. Sie können lediglich bestmögliche Rahmenbedingungen schaffen, aber den Rest müssen Sie einfach passieren lassen. Und glauben Sie mir, umso weniger Sie sich auf die gute Stimmung konzentrieren, desto eher kommt sie von allein.

Die gute Laune entsteht als Nebenprodukt, genauso wie meine Ideen im Urlaub ein Nebenprodukt waren. Sie sind genau dann entstanden, als ich mich nicht darauf konzentriert habe. Und darin liegt die Lösung: In einer Gedankenpause finden Sie wieder Inspiration. Nehmen Sie Abstand vom konzentrierten Wollen und Müssen. Gönnen Sie sich und Ihren Mitarbeitern ein geistiges Time-out, denn Ideen sind wie ein guter Wein – sie müssen reifen.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.